Als der Himmel zu brennen begann, bemerkten es die meisten erst durch ihre Telefone. Nicht etwa, weil darüber eine Warnmeldung kam, sondern weil sie verstummten. Im Stadtzentrum, wo an diesem Samstagabend die Menschen unterwegs waren, fürs Kino, um Freunde zu treffen oder einfach zwischen den beleuchteten Straßen zu flanieren, hoben immer mehr Menschen prüfend ihre Geräte in den Himmel, als könnten sie den Empfang aus der Luft fischen. Hier und da schüttelte man das Smartphone und Mienen verfinsterten sich. Andere starrten gebannt auf eingefrorene Bilder und nicht gesendete Nachrichten die viel wichtiger zu sein schienen als der Himmel.
Nach und nach aber sahen alle zu diesem auf. Über der Stadt sah man grüne Schleier, die sich langsam, fast zögerlich bewegten und von violetten Bändern durchlaufen wurden, die wieder verloschen. Trotz der Helligkeit der Stadt war das Schauspiel gut zu sehen und nahm die Aufmerksamkeit der meisten Menschen ein. Man staunte, raunte, lachte, sprach darüber, so unerwartet, oft nie gesehen und schön war das.
Dann flackerte die große Leuchtschrift auf dem Dach des Einkaufszentrums. Zunächst fiel nur ein Buchstabe aus, gleich darauf folgten nach und nach mehr. Für einen Moment hing nur noch ein halbes Wort ohne Sinn über der Fassade, bevor auch dieses verschwand. Stück für Stück legte sich die Dunkelheit über die Straßen. Eine verlor ihr Licht, während die Nächste noch einen Moment grell blieb. Ein Bürohochhaus leuchtete oben weiter, unten aber wurde die Eingangshalle schwarz. An der Kreuzung vor dem Bahnhof zeigten die Ampeln für wenige Sekunden alle Farben zugleich, danach blieb nur Hupen. Die Stadt wurde dunkel, aber auch lauter.
Mara Richter stand im Lagezentrum des Rathauses, als auf dem größten Monitor die Verkehrskarte einfror. Die Linien leuchteten noch in den Farben Grün, Gelb und Rot, aber nichts bewegte sich mehr. Auf den anderen Bildschirmen erschienen Fehlermeldungen, die teilweise genauso schnell verschwanden, wie sie kamen. Manche blieben, bis ein Bildschirm nach dem anderen einfach schwarz wurde und nur noch den Raum spiegelte. Während sich eine Mischung aus Verwirrung, Ärger und Erkenntnis in den Gesichtern der Anwesenden breit machte, wurde alles im Raum dunkel. Mara hatte sich berufsbedingt in den letzten Jahren mit vielen Krisenplänen auseinandergesetzt und auch entsprechende Übungen mitgemacht oder geleitet: Hochwasser, Stromausfall, Hitzewellen, Bombenfunde und Cyberangriffe. Für alles gab es irgendwo online wie offline Tabellen, Telefonnummern, Zuständigkeiten, Abläufe und Eskalationsstufen. Papier war geduldiger als die Wirklichkeit, aber meistens ließ sich die Wirklichkeit wenigstens dazu bringen, in irgendeine Spalte zu passen. Der Himmel allerdings passte in keine mehr und das noch für lange Zeit.
Die Nacht war unruhig und unzählige Meldungen gingen im eilends gebildeten Krisenzentrum ein. Menschen, die in Aufzügen stecken geblieben waren, ausgefallene Ampeln, Pflegeheime und Krankenhäuser mit einer schwankenden Notversorgung, überlastete Leitstellen und Menschen in einer Mischung aus Faszination, Wut und Panik. Und dann waren da die Opportunisten, die die Zeit des Chaos für sich nutzten, während immer mehr Nachrichten immer mehr Koordination bedurfte. Das Krankenhaus, dem der Diesel auszugehen drohte, weil man den Generator ob der Sanierung nur als Zusatz für Krisen gesehen hatte, die Stadtteil-Anlaufstelle, wo die Leute fehlten, weil sie nicht erreichbar waren und die Nachrichten, die über den BOS-Digitalfunk von Feuerwehr, Polizei, THW und allen wichtigen Stellen an die entsprechenden Mitarbeiter weitergetragen wurden. Das Chaos war am Anfang genau dies, wurde aber im Laufe der nächsten Stunden geordneter. Der Himmel behielt seine Farben, während die Stadt nur noch dort erhellt wurde, wo Notstrom und Batteriespeicher, deren Wechselrichter und Leitungen nicht zerstört wurden, noch Strom lieferten.
Kaum jemand hatte in dieser Nacht geschlafen, schon gar nicht im Krisenzentrum, wo Mara gerade erschöpft ihren frischen Becher Kaffee an die Lippen hielt. Um sie herum herrschte müdes aber emsiges Treiben. Irgendwer hatte die Idee mit den analogen Telefonen zu arbeiten, aber es gab keine funktionierende Vermittlungsstelle mehr. Also behalf man sich mit Meldediensten und Laufarbeit. Karten und Pläne wurden über einen alten Tintenstrahldrucker gedruckt und verteilt, damit jeder wusste, wo er gebraucht wurde. Die Kaffeemaschine profitierte vom Notstromaggregat und vom letzten Stadtfest hatte man noch Gasflaschen für den Gasgrill und die Herdplatten, die nun von Helfern für die Versorgung annektiert wurden.
Sie stellte die Tasse ab, streckte sich und kehrte in das Treiben zurück, nur unterbrochen von wenigen Stunden Schlaf irgendwo auf einer Pritsche in einem ruhigeren Raum. Der dennoch immer wieder von irgendwelchen wichtigen Infos oder Fragen unterbrochen wurde. Auch am Tag blieb der Strom weg und in der zweiten Nacht, als sie in einem kurzen, fast schon ruhigen Moment durch das Fenster in die Dunkelheit sah, die nur durch wenige Lichtflecken und dem noch immer leuchtenden Himmel erhellt wurde, begriff sie, dass sie die Stadt noch nie so gesehen hatte. Sie starrte fasziniert raus und als sie später endlich etwas freie Zeit fand, begab sie sich auf das Dach des Rathauses und starrte erst auf das Meer der Dunkelheit und Kleckse hinab und dann in den Himmel. Das grün war weiter in den Norden gewandert und nur noch am Rande dezent wahrzunehmen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die akute Phase des Sonnensturms abklang. Der Anblick, der sich ihr allerdings nun bot, ließ sie mit offenem Mund einfach still dastehen.
Sie war ein Stadtkind, aufgewachsen mit Lichtverschmutzung und einem Himmel, der immer orangegelb zu schimmern schien und nur in der tiefen Nacht ein paar Sterne freigab. Jetzt waren da Myriaden und etwas, von dem sie gehört, das sie im Fernsehen und auf Bildern gesehen aber nie selbst erlebt hatte: das helle, volle Band der Milchstraße, umsäumt von Sternen, von denen sie nicht einmal geahnt hätte, dass es sie gab.
Die Stadt unter ihr war vergessen, die Sorgen und Nöte ebenso. Zumindest für den Moment. Eine stille Freude breitete sich in ihr aus und ein Lächeln legte sich über ihre müden Gesichtszüge. Vielleicht hätte sie sich ärgern müssen, dass man das sah und nicht die Lichter, die von der Rückkehr des Stroms berichtet hätten. Vielleicht müsste sie wütend sein, doch stattdessen legte sich eine nie gekannte Ruhe und Zufriedenheit über sie. Doch je länger sie hochsah, um so mehr machte sich auch ein Gefühl von Traurigkeit in ihr breit. Sie wurde sich bewusst, dass da etwas zu sehen war, was eigentlich immer da war und immer zu sehen wäre, wenn die Stadt nicht alles andere überstrahlen würde.
Je länger sie dort oben stand und sich ihre Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnten, umso eher fielen ihr andere Menschen auf umliegenden Dächern auf. Wahrscheinlich würde es auf den Balkonen und in den Straßen und Gärten ähnlich aussehen. Wer von all jenen hatte wohl je vorher die Milchstraße gesehen? Oder zumindest mehr als die wenigen Sterne, die man in einer klaren Sommernacht wahrnehmen konnte, durch all das Licht? Millionen Menschen und Millionen Wahrscheinlichkeiten, dass dies das erste Mal war. Das verhinderte nicht das Chaos in der Stadt, aber sie konnte sich vorstellen, dass es wie für sie, für viele ein besonderer Moment war.
In den nächsten Tagen kam nach und nach das Licht zurück. Lange nicht alles, schon gar nicht überall, selbst von Zuverlässigkeit konnte man nicht sprechen. Aber es war genug, damit die Stadt sich wieder an sich selbst erinnern konnte. Leitungen wurden wiederhergestellt und stabilisiert, Generatoren konnten abgestellt werden und einzelne Kommunikationssysteme begannen, zunächst vereinzelt, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Es würde sicherlich noch Wochen, vielleicht gar Monate dauern, bis alles wieder repariert war, doch genau das war das Entscheidende: es war reparierbar. Und das war ein Problem, denn was zu reparieren war, konnte wieder hergestellt werden und im Zweifel wieder so wie zuvor.
Das Museum, das seine Fassade wieder angestrahlt haben wollte. Die Schaufenster der Geschäfte, die auch Nachtschwärmer mit ihrem Licht anlocken wollten und dann noch das Stadtmarketing, das darauf bestand, dass die Bewohner wieder ein Sicherheitsgefühl bräuchten nach all dem Chaos. Es sollte am besten schon gestern und wieder genauso hell sein, wie vorher. Gleichzeitig kamen Rückmeldungen und Wünsche von den Bewohnern, die das genaue Gegenteil forderten. Da erzählten welche, dass sie zum ersten Mal durchgeschlafen hätten, andere, dass sie zum ersten Mal etwas gesehen hatten, was sie nur aus den Medien kannten, dass die Kinder von der Milchstraße fasziniert waren und Fragen über Fragen stellten. Das man im Park Fledermäuse hätte fliegen sehen, dass der Fluss, insbesondere mit dem sich spiegelnden Mondlicht lebendig und nicht bedrohlich wirkte.
All diese Wünsche, Bedürfnisse, Sorgen, Ängste, Hoffnungen und vieles mehr belebten die Stadt. „Ich hatte Angst.“
„Ich konnte endlich schlafen.“
„Ohne Licht ist es gefährlich.“
„Mit zu viel Licht sieht man nichts mehr.“
„Wir brauchen die Stadt zurück.“
„Aber vielleicht nicht genau dieselbe.“
Am fünften Tag erschien die Lokalzeitung mit einem unscharfen Foto auf der Titelseite. Man sah kaum mehr als den schwarzen Umriss des Rathausturms und darüber ein blasses, milchiges Band. Das Bild war eher schlecht, leicht verwackelt und zu dunkel. Und gerade deshalb glaubten ihm die Menschen vielleicht. Darunter stand:
Was wir wieder gesehen haben
Die Diskussionen nahmen an Fahrt auf und doch zunächst ohne Lösung, denn es dauerte drei Wochen, bis wenigstens das Nötigste repariert war, um das Gefühl zu bekommen, dass das Schlimmste vorbei sei. Während die einen sich um das Wiederanschalten kümmerten, nahmen sich die anderen den Menschen an und als die nächste Beschlusssitzung im Rathaus kam, lag ein Entwurf für ein neues Lichtkonzept vor:
Keine dauerhafte Fassadenbeleuchtung nach Mitternacht und Reklame musste gedimmt werden. Parkplätze sollten Bewegungsmelder bekommen und nur bei Nutzung Licht bieten, in Wohnstraßen sollte nur noch warmes, gerichtetes Licht zum Einsatz kommen. Am Fluss, in Parks und an den Stadträndern waren Dunkelkorridore angedacht und zukünftig sollte jede Lichtquelle mit Zweck, Dauer und Richtung begründet werden. Die Vorlage war nicht radikal, aber sie war ein vorsichtiges Eingeständnis: Nicht jedes Licht war Schutz und nicht jede Dunkelheit war Gefahr.
In der ersten Nacht nach der Abstimmung ging Mara zu Fuß nach Hause und lauschte der Stadt, die wieder wie sie klang. Eine Straßenbahn dort, Musik da, das Rauschen der Autos und die Signale der Ampeln, die mitteilten, welches Licht gerade aktiv war. Sie war froh darüber, genauso über die Rückkehr des Lichtes, dennoch freute sie sich auch über das dunkle Möbelhaus an der Ringstraße, in dessen Glasfront sich die vorbeifahrenden Autos leicht spiegelten. Auf der Brücke blieb sie stehen und sah in den Himmel, der die Milchstraße nur noch erahnen ließ. Dennoch – auch wenn er nicht mehr so überwältigend war – konnte man viel mehr Sterne sehen, als dies vor dem Sonnensturm der Fall war und sie wusste, dass dies in Zukunft wahrscheinlich sogar noch besser statt wieder schlechter werden würde. Die Menschen verstanden, dass nicht alles strahlend sein musste und es auch andere positive Effekte gab, wenn Licht einfach mal ausblieb. Mara sah wenig später, als sie durch einen dunklen Teil des Parks ging, wieder hinauf und dachte, dass Dunkelheit vielleicht nie das Gegenteil von Sicherheit gewesen war. Vielleicht war sie nur das Gegenteil von Kontrolle und vielleicht hatte die Stadt beides viel zu lange verwechselt.
Kurzvita
Ute Kreibaum hat mir ihrer Kurzgeschichte „Wiederanschalten“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2025/2026 den zweiten Platz gewonnen.

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