Wurst- und Durstgeschichten – Der Hanswurst und die Nacht, die endlich wieder Nacht sein durfte

17. Oktober 2026 by Florian Link

Der Schorsch löscht das Licht nicht gern. Nicht, weil er Angst vor der Dunkelheit hat, sagt er, sondern weil er Menschen grundsätzlich weniger traut, sobald man sie schlechter sieht.

Das sagt er am frühen Abend vor dem Sicherungskasten, während er auf einen gelben Zettel der Stadtverwaltung starrt. Gelbe Zettel sind nie Einladungen zum Glück. Gelbe Zettel sagen: Umleitung, Mahnung oder irgendein Pilotprojekt, bei dem normale Menschen mitmachen sollen.

Auf diesem Zettel steht: Nacht der natürlichen Dunkelheit. Darunter: Eine Aktion zur Reduzierung von Lichtverschmutzung und zur Wiederentdeckung des nächtlichen Stadtraums.

„Nächtlicher Stadtraum“, sagt der Schorsch und spricht das aus, als hätte er auf eine rohe Zwiebel gebissen. „Früher hieß das einfach draußen.“

Ich stehe an meinem Lieblingsstehstammtisch, vor mir eine Currywurst, neben mir ein Bier, und merke sofort, dass der Autor wieder so eine Nummer mit mir vorhat. Ich bin der Hanswurst, also eine fiktive Figur. Wenn der Autor beschließt, dass heute die Nacht schön sein soll, versucht sie es wenigstens.

Die Jaqueline ist da. Sie kommt vom Laufen, trägt Sportleggings, einen dünnen Hoodie und diesen Blick, mit dem sie selbst eine behördliche Maßnahme noch in einen gesellschaftlichen Fortschritt verwandeln kann. Sie nimmt den Zettel vom Schorsch, liest ihn und nickt.

„Gut“, sagt sie.

Der Schorsch schaut sie an, als hätte sie vorgeschlagen, die Fritteuse mit Quellwasser zu betreiben.

„Weniger Licht“, sagt die Jaqueline. „Mehr Nacht. Weniger Dauerbeleuchtung. Weniger dieses künstliche Alles-ist-immer-offen-Gefühl.“

„Ich hab einen Imbiss“, sagt der Schorsch. „Ich bin künstliches Alles-ist-immer-offen-Gefühl.“

Draußen wird es langsam Abend. Die Stadt geht nicht aus wie eine Lampe. Sie wird zuerst grauer, dann blauer, dann bekommt alles diese Zwischenfarbe, in der man Dinge nicht mehr genau sieht, sie aber plötzlich besser versteht. Die Fenster leuchten noch, die Reklameschilder blinken, die Straßenlaternen warten auf ihren Einsatz.

Der Murat kommt rein und stellt zwei Flaschen Limo auf den Tresen.

„Heute machen sie den Kiosk auch dunkler“, sagt er. „Wegen Natur. Wegen Sterne. Wegen Nacht.“

„Machst du?“, fragt die Jaqueline.

„Klar“, sagt der Murat. „Wenn ich die Lampen ausmache, sehe ich wenigstens die Leute nicht, die noch anschreiben lassen wollen.“

„Das ist keine soziale Lösung“, sage ich.

„Aber eine energiesparende“, sagt der Murat.

Um neun soll alles aus sein, was nicht unbedingt nötig ist. Nicht unbedingt nötig ist eine gefährliche Formulierung. Bei uns ist vieles nicht nötig und trotzdem lebenswichtig. Die zweite Portion Mayo. Das dritte Bier. Mein Dasein.

„Ich lasse die Thekenlampe an“, sagt der Schorsch. „Sonst schneid ich mir noch in den Finger.“

„Du brätst“, sagt die Jaqueline.

„Dann brate ich mir in den Finger.“

„Unwahrscheinlich.“

„Bei euch ist alles unwahrscheinlich, bis es passiert“, sagt der Schorsch.

Um neun löscht der Schorsch das Außenschild. Nicht feierlich. Eher beleidigt. Das Schild flackert noch einmal auf, als wolle es gegen seine Abschaltung protestieren, dann ist es dunkel. Nicht ganz dunkel natürlich. Erst einmal nur weniger hell. Aber dieses Weniger merkt man sofort. Der Imbiss tritt einen Schritt zurück. Er ruft nicht mehr in die Straße hinein. Er steht einfach da.

Dann schaltet der Murat gegenüber sein Kioskschild aus. Die grelle Ecke, die sonst nachts aussieht wie ein kleiner Notdienst für schlechte Entscheidungen, wirkt plötzlich sanft.

„Und?“, fragt die Jaqueline.

„Ich sehe noch was“, sagt der Schorsch. „Enttäuschend.“

Aber er sagt es leiser.

Drinnen bleibt nur die kleine Lampe über der Theke an. Die Neonröhre ist aus. Plötzlich sieht der Imbiss anders aus. Nicht sauberer, Gott bewahre. Aber ehrlicher. Die Flecken verschwinden nicht, sie verlieren nur ihre Härte. Die Kratzer auf den Tischen sehen nicht mehr nach Vernachlässigung aus, sondern nach Zeit. Der Schorsch steht im warmen Halbdunkel hinter seinem Grill, und für einen Moment könnte man meinen, er sei nicht mürrisch, sondern nur müde.

Ich nehme meine Currywurst und merke, dass sie anders schmeckt. Nein, natürlich schmeckt sie nicht anders. Aber im Halbdunkel wird das Essen weniger Ware und mehr Mahlzeit. Man kaut langsamer, weil nicht alles so tut, als müsse es gleich weiter.

Draußen fährt ein Auto vorbei. Ohne das helle Schild, ohne die Neonröhre, ohne das Geblinke vom Kiosk klingt das Geräusch lauter. Auch Schritte hört man plötzlich. Eine Fahrradkette. Irgendwo ein Hund. Blätter in der Platane, die sonst nur Dekoration ist und heute zum ersten Mal seit Langem wieder wie ein Baum klingt.

„Komisch“, sagt der Murat, der inzwischen mit einem Bier bei uns steht. „Man hört die Straße.“

„Die Straße war die ganze Zeit da“, sagt die Jaqueline.

„Ja“, sagt der Murat. „Aber sonst schreit immer irgendwas drüber.“

Ich schaue aus dem Fenster. Die Stadt ist nicht dunkel wie ein Wald. Es gibt noch Ampeln, Wohnungen, Busse, Bildschirmlicht hinter Vorhängen. Aber sie ist dunkler als sonst. Sie wirkt nicht gefährlicher. Eher langsamer. Als hätte ihr jemand erlaubt, kurz nicht zu funktionieren.

„Ich mochte die Dunkelheit früher nicht“, sage ich.

Die Jaqueline schaut mich an, aber sie fragt nicht sofort. Das kann sie gut, wenn sie will.

„Als Kind“, sage ich, „wenn wir im Urlaub waren. Irgendwo, wo abends nichts war. Keine Stadt. Keine Kneipe. Nur Ferienwohnung, dunkler Parkplatz, Kiefern, nasse Handtücher auf dem Balkon. Meine Eltern haben gesagt: Ist das nicht herrlich ruhig? Und ich lag wach und dachte: Herrlich ruhig ist auch ein anderes Wort für verlassen.“

Der Murat nickt. „Dunkelheit kann einsam machen.“

„Ja“, sage ich. „Aber Licht auch.“

Da gucken sie mich kurz alle an. Ich schaue innerlich sofort zum Autor. Der soll sich bloß nichts einbilden.

„Licht sagt oft: Kauf was“, sagt die Jaqueline. „Guck hin. Bleib wach. Sei erreichbar. Hab keine Pause. Dunkelheit sagt: Jetzt reicht’s.“

Wir gehen raus. Nicht, weil etwas passiert. Sondern weil gerade nichts passiert und das plötzlich genug ist. Der Schorsch nimmt sein Bier mit. Der Murat zieht die Tür vom Kiosk ganz zu. Die Jaqueline stellt sich mitten auf den Bürgersteig und schaut nach oben.

Ich schaue auch nach oben.

Jetzt kommt der gefährliche Teil. Über unserer Straße hängt kein Weltwunder. Der Himmel ist immer noch städtisch. Dunkelblau, hier und da aufgehellt, an den Rändern schmutzig orange.

Aber da sind Sterne.

Nicht viele. Aber mehr als sonst.

Drei sehe ich sofort. Dann noch einen. Dann noch zwei, die vielleicht Flugzeuge oder Satelliten sind, aber für diesen Moment lasse ich sie Sterne sein. Man muss nicht alles überprüfen. Manchmal macht Genauigkeit etwas kaputt, was gerade erst anfängt.

Der Schorsch schaut hoch und sagt nichts. Der Murat sagt: „Krass.“ Die Jaqueline sagt: „Siehst du.“ Ich sage: „Ja.“

Und dieses Ja reicht.

Für einen Moment stehen wir einfach da. Vier Menschen vor einem Imbiss, der heute nicht leuchtet wie eine müde Tankstelle, sondern nur noch warm aus dem Fenster atmet. Die Sorgen sind nicht weg. Die Mieten werden nicht billiger, bloß weil ein paar Lampen aus sind. Menschen werden nicht automatisch freundlicher, nur weil sie Sterne sehen. So einfach ist es nicht. So einfach ist es nie.

Aber es ist auch nicht nichts.

Ein Lieferradler bleibt kurz stehen. Er hat eine große Tasche auf dem Rücken und sieht aus, als hätte ihn der Abend schon zweimal überholt. Er schaut ebenfalls nach oben. Nur kurz. Dann nimmt er sein Handy, fotografiert den Himmel nicht, steckt es wieder weg und fährt weiter.

Das gefällt mir. Nicht alles muss sofort geteilt werden. Manche Dinge dürfen einfach kurz da sein und dann im Kopf weiterleuchten.

„Vielleicht“, sagt die Jaqueline, „ist die Nacht gar nicht dunkel. Vielleicht ist nur unser Blick zu hell eingestellt.“

„Das klingt nach Kalender“, sagt der Schorsch.

„Aber nach einem guten“, sage ich.

Später, wieder drinnen, wirkt der Imbiss kleiner. Aber nicht enger. Der Schorsch macht noch eine Runde Currywurst, obwohl kaum noch jemand kommt. Die Jaqueline sitzt zum ersten Mal, seit sie da ist. Der Murat erzählt von seinem Vater, der früher im Sommer auf dem Balkon geschlafen hat, weil es in der Wohnung zu heiß war. Ich höre zu und merke, dass niemand versucht, besonders klug zu sein. Klugheit ist manchmal auch nur Lichtverschmutzung im Gespräch.

Kurz vor zehn will der Schorsch das große Licht wieder einschalten. Seine Hand liegt schon am Schalter. Dann lässt er sie sinken.

„Morgen“, sagt er.

„Was morgen?“, frage ich.

„Bleibt das Schild länger aus.“

Die Jaqueline sagt nichts, aber sie lächelt.

Der Schorsch räuspert sich. „Nicht wegen Natur und dem ganzen Gedöns. Wegen Stromrechnung.“

„Natürlich“, sage ich.

„Und weil’s keiner braucht“, murmelt er.

Das ist beim Schorsch fast schon eine Liebeserklärung an die Nacht.

Ich trinke mein Bier aus. Draußen ist die Straße dunkler als sonst. Drinnen ist genug Licht, um die Menschen zu sehen, aber nicht genug, um alles erklären zu müssen.

Vielleicht ist Dunkelheit nicht das, was uns etwas wegnimmt. Vielleicht ist sie das, was übrigbleibt, wenn endlich nicht mehr alles verkauft, beleuchtet und angeschrien wird. Vielleicht ist Nacht kein Loch, in das der Tag fällt, sondern ein Raum, der wieder aufmacht, sobald wir aufhören, ihn zu überstrahlen.

Der Autor will jetzt bestimmt, dass ich das noch schöner sage. Mit einem letzten Bild, das funkelt wie ein Stern über einer Pappschale Currywurst. Aber ich bin der Hanswurst, und wenn ich eines gelernt habe, dann das: Manchmal reicht es, wenn man nicht alles kaputtredet.

Also sage ich nichts.

Ich schaue durchs Fenster in die dunklere Straße.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich nicht das Gefühl, dass da draußen etwas fehlt.

Sondern dass etwas zurückgekommen ist.

Florian Link, 2026


Kurzvita


Florian Link hat mir seiner Kurzgeschichte „Wurst- und Durstgeschichten – Der Hanswurst und die Nacht, die endlich wieder Nacht sein durfte“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2025/2026 den ersten Platz gewonnen.

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