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Category Archive for ‘Fiction’

Der Schorsch löscht das Licht nicht gern. Nicht, weil er Angst vor der Dunkelheit hat, sagt er, sondern weil er Menschen grundsätzlich weniger traut, sobald man sie schlechter sieht.

Das sagt er am frühen Abend vor dem Sicherungskasten, während er auf einen gelben Zettel der Stadtverwaltung starrt. Gelbe Zettel sind nie Einladungen zum Glück. Gelbe Zettel sagen: Umleitung, Mahnung oder irgendein Pilotprojekt, bei dem normale Menschen mitmachen sollen.

Auf diesem Zettel steht: Nacht der natürlichen Dunkelheit. Darunter: Eine Aktion zur Reduzierung von Lichtverschmutzung und zur Wiederentdeckung des nächtlichen Stadtraums.

„Nächtlicher Stadtraum“, sagt der Schorsch und spricht das aus, als hätte er auf eine rohe Zwiebel gebissen. „Früher hieß das einfach draußen.“

Ich stehe an meinem Lieblingsstehstammtisch, vor mir eine Currywurst, neben mir ein Bier, und merke sofort, dass der Autor wieder so eine Nummer mit mir vorhat. Ich bin der Hanswurst, also eine fiktive Figur. Wenn der Autor beschließt, dass heute die Nacht schön sein soll, versucht sie es wenigstens.

Die Jaqueline ist da. Sie kommt vom Laufen, trägt Sportleggings, einen dünnen Hoodie und diesen Blick, mit dem sie selbst eine behördliche Maßnahme noch in einen gesellschaftlichen Fortschritt verwandeln kann. Sie nimmt den Zettel vom Schorsch, liest ihn und nickt.

„Gut“, sagt sie.

Der Schorsch schaut sie an, als hätte sie vorgeschlagen, die Fritteuse mit Quellwasser zu betreiben.

„Weniger Licht“, sagt die Jaqueline. „Mehr Nacht. Weniger Dauerbeleuchtung. Weniger dieses künstliche Alles-ist-immer-offen-Gefühl.“

„Ich hab einen Imbiss“, sagt der Schorsch. „Ich bin künstliches Alles-ist-immer-offen-Gefühl.“

Draußen wird es langsam Abend. Die Stadt geht nicht aus wie eine Lampe. Sie wird zuerst grauer, dann blauer, dann bekommt alles diese Zwischenfarbe, in der man Dinge nicht mehr genau sieht, sie aber plötzlich besser versteht. Die Fenster leuchten noch, die Reklameschilder blinken, die Straßenlaternen warten auf ihren Einsatz.

Der Murat kommt rein und stellt zwei Flaschen Limo auf den Tresen.

„Heute machen sie den Kiosk auch dunkler“, sagt er. „Wegen Natur. Wegen Sterne. Wegen Nacht.“

„Machst du?“, fragt die Jaqueline.

„Klar“, sagt der Murat. „Wenn ich die Lampen ausmache, sehe ich wenigstens die Leute nicht, die noch anschreiben lassen wollen.“

„Das ist keine soziale Lösung“, sage ich.

„Aber eine energiesparende“, sagt der Murat.

Um neun soll alles aus sein, was nicht unbedingt nötig ist. Nicht unbedingt nötig ist eine gefährliche Formulierung. Bei uns ist vieles nicht nötig und trotzdem lebenswichtig. Die zweite Portion Mayo. Das dritte Bier. Mein Dasein.

„Ich lasse die Thekenlampe an“, sagt der Schorsch. „Sonst schneid ich mir noch in den Finger.“

„Du brätst“, sagt die Jaqueline.

„Dann brate ich mir in den Finger.“

„Unwahrscheinlich.“

„Bei euch ist alles unwahrscheinlich, bis es passiert“, sagt der Schorsch.

Um neun löscht der Schorsch das Außenschild. Nicht feierlich. Eher beleidigt. Das Schild flackert noch einmal auf, als wolle es gegen seine Abschaltung protestieren, dann ist es dunkel. Nicht ganz dunkel natürlich. Erst einmal nur weniger hell. Aber dieses Weniger merkt man sofort. Der Imbiss tritt einen Schritt zurück. Er ruft nicht mehr in die Straße hinein. Er steht einfach da.

Dann schaltet der Murat gegenüber sein Kioskschild aus. Die grelle Ecke, die sonst nachts aussieht wie ein kleiner Notdienst für schlechte Entscheidungen, wirkt plötzlich sanft.

„Und?“, fragt die Jaqueline.

„Ich sehe noch was“, sagt der Schorsch. „Enttäuschend.“

Aber er sagt es leiser.

Drinnen bleibt nur die kleine Lampe über der Theke an. Die Neonröhre ist aus. Plötzlich sieht der Imbiss anders aus. Nicht sauberer, Gott bewahre. Aber ehrlicher. Die Flecken verschwinden nicht, sie verlieren nur ihre Härte. Die Kratzer auf den Tischen sehen nicht mehr nach Vernachlässigung aus, sondern nach Zeit. Der Schorsch steht im warmen Halbdunkel hinter seinem Grill, und für einen Moment könnte man meinen, er sei nicht mürrisch, sondern nur müde.

Ich nehme meine Currywurst und merke, dass sie anders schmeckt. Nein, natürlich schmeckt sie nicht anders. Aber im Halbdunkel wird das Essen weniger Ware und mehr Mahlzeit. Man kaut langsamer, weil nicht alles so tut, als müsse es gleich weiter.

Draußen fährt ein Auto vorbei. Ohne das helle Schild, ohne die Neonröhre, ohne das Geblinke vom Kiosk klingt das Geräusch lauter. Auch Schritte hört man plötzlich. Eine Fahrradkette. Irgendwo ein Hund. Blätter in der Platane, die sonst nur Dekoration ist und heute zum ersten Mal seit Langem wieder wie ein Baum klingt.

„Komisch“, sagt der Murat, der inzwischen mit einem Bier bei uns steht. „Man hört die Straße.“

„Die Straße war die ganze Zeit da“, sagt die Jaqueline.

„Ja“, sagt der Murat. „Aber sonst schreit immer irgendwas drüber.“

Ich schaue aus dem Fenster. Die Stadt ist nicht dunkel wie ein Wald. Es gibt noch Ampeln, Wohnungen, Busse, Bildschirmlicht hinter Vorhängen. Aber sie ist dunkler als sonst. Sie wirkt nicht gefährlicher. Eher langsamer. Als hätte ihr jemand erlaubt, kurz nicht zu funktionieren.

„Ich mochte die Dunkelheit früher nicht“, sage ich.

Die Jaqueline schaut mich an, aber sie fragt nicht sofort. Das kann sie gut, wenn sie will.

„Als Kind“, sage ich, „wenn wir im Urlaub waren. Irgendwo, wo abends nichts war. Keine Stadt. Keine Kneipe. Nur Ferienwohnung, dunkler Parkplatz, Kiefern, nasse Handtücher auf dem Balkon. Meine Eltern haben gesagt: Ist das nicht herrlich ruhig? Und ich lag wach und dachte: Herrlich ruhig ist auch ein anderes Wort für verlassen.“

Der Murat nickt. „Dunkelheit kann einsam machen.“

„Ja“, sage ich. „Aber Licht auch.“

Da gucken sie mich kurz alle an. Ich schaue innerlich sofort zum Autor. Der soll sich bloß nichts einbilden.

„Licht sagt oft: Kauf was“, sagt die Jaqueline. „Guck hin. Bleib wach. Sei erreichbar. Hab keine Pause. Dunkelheit sagt: Jetzt reicht’s.“

Wir gehen raus. Nicht, weil etwas passiert. Sondern weil gerade nichts passiert und das plötzlich genug ist. Der Schorsch nimmt sein Bier mit. Der Murat zieht die Tür vom Kiosk ganz zu. Die Jaqueline stellt sich mitten auf den Bürgersteig und schaut nach oben.

Ich schaue auch nach oben.

Jetzt kommt der gefährliche Teil. Über unserer Straße hängt kein Weltwunder. Der Himmel ist immer noch städtisch. Dunkelblau, hier und da aufgehellt, an den Rändern schmutzig orange.

Aber da sind Sterne.

Nicht viele. Aber mehr als sonst.

Drei sehe ich sofort. Dann noch einen. Dann noch zwei, die vielleicht Flugzeuge oder Satelliten sind, aber für diesen Moment lasse ich sie Sterne sein. Man muss nicht alles überprüfen. Manchmal macht Genauigkeit etwas kaputt, was gerade erst anfängt.

Der Schorsch schaut hoch und sagt nichts. Der Murat sagt: „Krass.“ Die Jaqueline sagt: „Siehst du.“ Ich sage: „Ja.“

Und dieses Ja reicht.

Für einen Moment stehen wir einfach da. Vier Menschen vor einem Imbiss, der heute nicht leuchtet wie eine müde Tankstelle, sondern nur noch warm aus dem Fenster atmet. Die Sorgen sind nicht weg. Die Mieten werden nicht billiger, bloß weil ein paar Lampen aus sind. Menschen werden nicht automatisch freundlicher, nur weil sie Sterne sehen. So einfach ist es nicht. So einfach ist es nie.

Aber es ist auch nicht nichts.

Ein Lieferradler bleibt kurz stehen. Er hat eine große Tasche auf dem Rücken und sieht aus, als hätte ihn der Abend schon zweimal überholt. Er schaut ebenfalls nach oben. Nur kurz. Dann nimmt er sein Handy, fotografiert den Himmel nicht, steckt es wieder weg und fährt weiter.

Das gefällt mir. Nicht alles muss sofort geteilt werden. Manche Dinge dürfen einfach kurz da sein und dann im Kopf weiterleuchten.

„Vielleicht“, sagt die Jaqueline, „ist die Nacht gar nicht dunkel. Vielleicht ist nur unser Blick zu hell eingestellt.“

„Das klingt nach Kalender“, sagt der Schorsch.

„Aber nach einem guten“, sage ich.

Später, wieder drinnen, wirkt der Imbiss kleiner. Aber nicht enger. Der Schorsch macht noch eine Runde Currywurst, obwohl kaum noch jemand kommt. Die Jaqueline sitzt zum ersten Mal, seit sie da ist. Der Murat erzählt von seinem Vater, der früher im Sommer auf dem Balkon geschlafen hat, weil es in der Wohnung zu heiß war. Ich höre zu und merke, dass niemand versucht, besonders klug zu sein. Klugheit ist manchmal auch nur Lichtverschmutzung im Gespräch.

Kurz vor zehn will der Schorsch das große Licht wieder einschalten. Seine Hand liegt schon am Schalter. Dann lässt er sie sinken.

„Morgen“, sagt er.

„Was morgen?“, frage ich.

„Bleibt das Schild länger aus.“

Die Jaqueline sagt nichts, aber sie lächelt.

Der Schorsch räuspert sich. „Nicht wegen Natur und dem ganzen Gedöns. Wegen Stromrechnung.“

„Natürlich“, sage ich.

„Und weil’s keiner braucht“, murmelt er.

Das ist beim Schorsch fast schon eine Liebeserklärung an die Nacht.

Ich trinke mein Bier aus. Draußen ist die Straße dunkler als sonst. Drinnen ist genug Licht, um die Menschen zu sehen, aber nicht genug, um alles erklären zu müssen.

Vielleicht ist Dunkelheit nicht das, was uns etwas wegnimmt. Vielleicht ist sie das, was übrigbleibt, wenn endlich nicht mehr alles verkauft, beleuchtet und angeschrien wird. Vielleicht ist Nacht kein Loch, in das der Tag fällt, sondern ein Raum, der wieder aufmacht, sobald wir aufhören, ihn zu überstrahlen.

Der Autor will jetzt bestimmt, dass ich das noch schöner sage. Mit einem letzten Bild, das funkelt wie ein Stern über einer Pappschale Currywurst. Aber ich bin der Hanswurst, und wenn ich eines gelernt habe, dann das: Manchmal reicht es, wenn man nicht alles kaputtredet.

Also sage ich nichts.

Ich schaue durchs Fenster in die dunklere Straße.

Und zum ersten Mal seit langer Zeit habe ich nicht das Gefühl, dass da draußen etwas fehlt.

Sondern dass etwas zurückgekommen ist.

Florian Link, 2026


Kurzvita


Florian Link hat mir seiner Kurzgeschichte „Wurst- und Durstgeschichten – Der Hanswurst und die Nacht, die endlich wieder Nacht sein durfte“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2025/2026 den ersten Platz gewonnen.

Als der Himmel zu brennen begann, bemerkten es die meisten erst durch ihre Telefone. Nicht etwa, weil darüber eine Warnmeldung kam, sondern weil sie verstummten. Im Stadtzentrum, wo an diesem Samstagabend die Menschen unterwegs waren, fürs Kino, um Freunde zu treffen oder einfach zwischen den beleuchteten Straßen zu flanieren, hoben immer mehr Menschen prüfend ihre Geräte in den Himmel, als könnten sie den Empfang aus der Luft fischen. Hier und da schüttelte man das Smartphone und Mienen verfinsterten sich. Andere starrten gebannt auf eingefrorene Bilder und nicht gesendete Nachrichten die viel wichtiger zu sein schienen als der Himmel.

Nach und nach aber sahen alle zu diesem auf. Über der Stadt sah man grüne Schleier, die sich langsam, fast zögerlich bewegten und von violetten Bändern durchlaufen wurden, die wieder verloschen. Trotz der Helligkeit der Stadt war das Schauspiel gut zu sehen und nahm die Aufmerksamkeit der meisten Menschen ein. Man staunte, raunte, lachte, sprach darüber, so unerwartet, oft nie gesehen und schön war das.

Dann flackerte die große Leuchtschrift auf dem Dach des Einkaufszentrums. Zunächst fiel nur ein Buchstabe aus, gleich darauf folgten nach und nach mehr. Für einen Moment hing nur noch ein halbes Wort ohne Sinn über der Fassade, bevor auch dieses verschwand. Stück für Stück legte sich die Dunkelheit über die Straßen. Eine verlor ihr Licht, während die Nächste noch einen Moment grell blieb. Ein Bürohochhaus leuchtete oben weiter, unten aber wurde die Eingangshalle schwarz. An der Kreuzung vor dem Bahnhof zeigten die Ampeln für wenige Sekunden alle Farben zugleich, danach blieb nur Hupen. Die Stadt wurde dunkel, aber auch lauter.

Mara Richter stand im Lagezentrum des Rathauses, als auf dem größten Monitor die Verkehrskarte einfror. Die Linien leuchteten noch in den Farben Grün, Gelb und Rot, aber nichts bewegte sich mehr. Auf den anderen Bildschirmen erschienen Fehlermeldungen, die teilweise genauso schnell verschwanden, wie sie kamen. Manche blieben, bis ein Bildschirm nach dem anderen einfach schwarz wurde und nur noch den Raum spiegelte. Während sich eine Mischung aus Verwirrung, Ärger und Erkenntnis in den Gesichtern der Anwesenden breit machte, wurde alles im Raum dunkel. Mara hatte sich berufsbedingt in den letzten Jahren mit vielen Krisenplänen auseinandergesetzt und auch entsprechende Übungen mitgemacht oder geleitet: Hochwasser, Stromausfall, Hitzewellen, Bombenfunde und Cyberangriffe. Für alles gab es irgendwo online wie offline Tabellen, Telefonnummern, Zuständigkeiten, Abläufe und Eskalationsstufen. Papier war geduldiger als die Wirklichkeit, aber meistens ließ sich die Wirklichkeit wenigstens dazu bringen, in irgendeine Spalte zu passen. Der Himmel allerdings passte in keine mehr und das noch für lange Zeit.

Die Nacht war unruhig und unzählige Meldungen gingen im eilends gebildeten Krisenzentrum ein. Menschen, die in Aufzügen stecken geblieben waren, ausgefallene Ampeln, Pflegeheime und Krankenhäuser mit einer schwankenden Notversorgung, überlastete Leitstellen und Menschen in einer Mischung aus Faszination, Wut und Panik. Und dann waren da die Opportunisten, die die Zeit des Chaos für sich nutzten, während immer mehr Nachrichten immer mehr Koordination bedurfte. Das Krankenhaus, dem der Diesel auszugehen drohte, weil man den Generator ob der Sanierung nur als Zusatz für Krisen gesehen hatte, die Stadtteil-Anlaufstelle, wo die Leute fehlten, weil sie nicht erreichbar waren und die Nachrichten, die über den BOS-Digitalfunk von Feuerwehr, Polizei, THW und allen wichtigen Stellen an die entsprechenden Mitarbeiter weitergetragen wurden. Das Chaos war am Anfang genau dies, wurde aber im Laufe der nächsten Stunden geordneter. Der Himmel behielt seine Farben, während die Stadt nur noch dort erhellt wurde, wo Notstrom und Batteriespeicher, deren Wechselrichter und Leitungen nicht zerstört wurden, noch Strom lieferten.

Kaum jemand hatte in dieser Nacht geschlafen, schon gar nicht im Krisenzentrum, wo Mara gerade erschöpft ihren frischen Becher Kaffee an die Lippen hielt. Um sie herum herrschte müdes aber emsiges Treiben. Irgendwer hatte die Idee mit den analogen Telefonen zu arbeiten, aber es gab keine funktionierende Vermittlungsstelle mehr. Also behalf man sich mit Meldediensten und Laufarbeit. Karten und Pläne wurden über einen alten Tintenstrahldrucker gedruckt und verteilt, damit jeder wusste, wo er gebraucht wurde. Die Kaffeemaschine profitierte vom Notstromaggregat und vom letzten Stadtfest hatte man noch Gasflaschen für den Gasgrill und die Herdplatten, die nun von Helfern für die Versorgung annektiert wurden.

Sie stellte die Tasse ab, streckte sich und kehrte in das Treiben zurück, nur unterbrochen von wenigen Stunden Schlaf irgendwo auf einer Pritsche in einem ruhigeren Raum. Der dennoch immer wieder von irgendwelchen wichtigen Infos oder Fragen unterbrochen wurde. Auch am Tag blieb der Strom weg und in der zweiten Nacht, als sie in einem kurzen, fast schon ruhigen Moment durch das Fenster in die Dunkelheit sah, die nur durch wenige Lichtflecken und dem noch immer leuchtenden Himmel erhellt wurde, begriff sie, dass sie die Stadt noch nie so gesehen hatte. Sie starrte fasziniert raus und als sie später endlich etwas freie Zeit fand, begab sie sich auf das Dach des Rathauses und starrte erst auf das Meer der Dunkelheit und Kleckse hinab und dann in den Himmel. Das grün war weiter in den Norden gewandert und nur noch am Rande dezent wahrzunehmen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass die akute Phase des Sonnensturms abklang. Der Anblick, der sich ihr allerdings nun bot, ließ sie mit offenem Mund einfach still dastehen.

Sie war ein Stadtkind, aufgewachsen mit Lichtverschmutzung und einem Himmel, der immer orangegelb zu schimmern schien und nur in der tiefen Nacht ein paar Sterne freigab. Jetzt waren da Myriaden und etwas, von dem sie gehört, das sie im Fernsehen und auf Bildern gesehen aber nie selbst erlebt hatte: das helle, volle Band der Milchstraße, umsäumt von Sternen, von denen sie nicht einmal geahnt hätte, dass es sie gab.

Die Stadt unter ihr war vergessen, die Sorgen und Nöte ebenso. Zumindest für den Moment. Eine stille Freude breitete sich in ihr aus und ein Lächeln legte sich über ihre müden Gesichtszüge. Vielleicht hätte sie sich ärgern müssen, dass man das sah und nicht die Lichter, die von der Rückkehr des Stroms berichtet hätten. Vielleicht müsste sie wütend sein, doch stattdessen legte sich eine nie gekannte Ruhe und Zufriedenheit über sie. Doch je länger sie hochsah, um so mehr machte sich auch ein Gefühl von Traurigkeit in ihr breit. Sie wurde sich bewusst, dass da etwas zu sehen war, was eigentlich immer da war und immer zu sehen wäre, wenn die Stadt nicht alles andere überstrahlen würde.

Je länger sie dort oben stand und sich ihre Augen an die Lichtverhältnisse gewöhnten, umso eher fielen ihr andere Menschen auf umliegenden Dächern auf. Wahrscheinlich würde es auf den Balkonen und in den Straßen und Gärten ähnlich aussehen. Wer von all jenen hatte wohl je vorher die Milchstraße gesehen? Oder zumindest mehr als die wenigen Sterne, die man in einer klaren Sommernacht wahrnehmen konnte, durch all das Licht? Millionen Menschen und Millionen Wahrscheinlichkeiten, dass dies das erste Mal war. Das verhinderte nicht das Chaos in der Stadt, aber sie konnte sich vorstellen, dass es wie für sie, für viele ein besonderer Moment war.

In den nächsten Tagen kam nach und nach das Licht zurück. Lange nicht alles, schon gar nicht überall, selbst von Zuverlässigkeit konnte man nicht sprechen. Aber es war genug, damit die Stadt sich wieder an sich selbst erinnern konnte. Leitungen wurden wiederhergestellt und stabilisiert, Generatoren konnten abgestellt werden und einzelne Kommunikationssysteme begannen, zunächst vereinzelt, ihre Arbeit wieder aufzunehmen. Es würde sicherlich noch Wochen, vielleicht gar Monate dauern, bis alles wieder repariert war, doch genau das war das Entscheidende: es war reparierbar. Und das war ein Problem, denn was zu reparieren war, konnte wieder hergestellt werden und im Zweifel wieder so wie zuvor.

Das Museum, das seine Fassade wieder angestrahlt haben wollte. Die Schaufenster der Geschäfte, die auch Nachtschwärmer mit ihrem Licht anlocken wollten und dann noch das Stadtmarketing, das darauf bestand, dass die Bewohner wieder ein Sicherheitsgefühl bräuchten nach all dem Chaos. Es sollte am besten schon gestern und wieder genauso hell sein, wie vorher. Gleichzeitig kamen Rückmeldungen und Wünsche von den Bewohnern, die das genaue Gegenteil forderten. Da erzählten welche, dass sie zum ersten Mal durchgeschlafen hätten, andere, dass sie zum ersten Mal etwas gesehen hatten, was sie nur aus den Medien kannten, dass die Kinder von der Milchstraße fasziniert waren und Fragen über Fragen stellten. Das man im Park Fledermäuse hätte fliegen sehen, dass der Fluss, insbesondere mit dem sich spiegelnden Mondlicht lebendig und nicht bedrohlich wirkte.

All diese Wünsche, Bedürfnisse, Sorgen, Ängste, Hoffnungen und vieles mehr belebten die Stadt. „Ich hatte Angst.“

„Ich konnte endlich schlafen.“

„Ohne Licht ist es gefährlich.“

„Mit zu viel Licht sieht man nichts mehr.“

„Wir brauchen die Stadt zurück.“

„Aber vielleicht nicht genau dieselbe.“

Am fünften Tag erschien die Lokalzeitung mit einem unscharfen Foto auf der Titelseite. Man sah kaum mehr als den schwarzen Umriss des Rathausturms und darüber ein blasses, milchiges Band. Das Bild war eher schlecht, leicht verwackelt und zu dunkel. Und gerade deshalb glaubten ihm die Menschen vielleicht. Darunter stand:

Was wir wieder gesehen haben

Die Diskussionen nahmen an Fahrt auf und doch zunächst ohne Lösung, denn es dauerte drei Wochen, bis wenigstens das Nötigste repariert war, um das Gefühl zu bekommen, dass das Schlimmste vorbei sei. Während die einen sich um das Wiederanschalten kümmerten, nahmen sich die anderen den Menschen an und als die nächste Beschlusssitzung im Rathaus kam, lag ein Entwurf für ein neues Lichtkonzept vor:

Keine dauerhafte Fassadenbeleuchtung nach Mitternacht und Reklame musste gedimmt werden. Parkplätze sollten Bewegungsmelder bekommen und nur bei Nutzung Licht bieten, in Wohnstraßen sollte nur noch warmes, gerichtetes Licht zum Einsatz kommen. Am Fluss, in Parks und an den Stadträndern waren Dunkelkorridore angedacht und zukünftig sollte jede Lichtquelle mit Zweck, Dauer und Richtung begründet werden. Die Vorlage war nicht radikal, aber sie war ein vorsichtiges Eingeständnis: Nicht jedes Licht war Schutz und nicht jede Dunkelheit war Gefahr.

In der ersten Nacht nach der Abstimmung ging Mara zu Fuß nach Hause und lauschte der Stadt, die wieder wie sie klang. Eine Straßenbahn dort, Musik da, das Rauschen der Autos und die Signale der Ampeln, die mitteilten, welches Licht gerade aktiv war. Sie war froh darüber, genauso über die Rückkehr des Lichtes, dennoch freute sie sich auch über das dunkle Möbelhaus an der Ringstraße, in dessen Glasfront sich die vorbeifahrenden Autos leicht spiegelten. Auf der Brücke blieb sie stehen und sah in den Himmel, der die Milchstraße nur noch erahnen ließ. Dennoch – auch wenn er nicht mehr so überwältigend war – konnte man viel mehr Sterne sehen, als dies vor dem Sonnensturm der Fall war und sie wusste, dass dies in Zukunft wahrscheinlich sogar noch besser statt wieder schlechter werden würde. Die Menschen verstanden, dass nicht alles strahlend sein musste und es auch andere positive Effekte gab, wenn Licht einfach mal ausblieb. Mara sah wenig später, als sie durch einen dunklen Teil des Parks ging, wieder hinauf und dachte, dass Dunkelheit vielleicht nie das Gegenteil von Sicherheit gewesen war. Vielleicht war sie nur das Gegenteil von Kontrolle und vielleicht hatte die Stadt beides viel zu lange verwechselt.


Kurzvita


Ute Kreibaum hat mir ihrer Kurzgeschichte „Wiederanschalten“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2025/2026 den zweiten Platz gewonnen.

Wien, 1885.

Carl Auer von Welsbach rieb sich die Augen und trat ans Fenster seines Labors. Draussen lag die Ringstrasse im Dunst der Gaslaternen, ein flackerndes, gelbliches Licht, das mehr versprach, als es hielt. Die Stadt versuchte, die Nacht zu besiegen, aber sie tat es ungeschickt, mit einer Ungenauigkeit, die Carl störte. Er sah keine Romantik, er sah Ineffizienz. Die Flamme fraß Brennstoff und spuckte Licht wie ein betrunkener Schornsteinfeger. Es musste besser gehen.

Der Glühstrumpf war die Antwort. Ein Gewebe aus Baumwollfasern, getränkt mit Thorium- und Ceroxid, das beim Erhitzen nicht zerfiel, sondern leuchtete – weiss, ruhig, beinahe unbeweglich. Carl hielt den ersten funktionierenden Strumpf über die Tischkante, sah das Licht, wie es die Schatten seiner Apparate vertrieb, und spürte, dass er etwas Grundsätzliches verstanden hatte: Licht war nicht mehr nur Feuer, es war Ordnung, Effizienz, Macht.

Die Städte reagierten sofort. Wien, Berlin, Paris, London – sie alle begannen heller zu werden, entschlossener, als hätten sie nur auf dieses Material gewartet. Die Nächte wurden kürzer, die Strassen sicherer, die Cafés voller. Kinder wuchsen auf und lernten, die Sterne seien Punkte auf Postkarten, schön, aber weit weg. Carl beobachtete das selten, doch er wusste, dass etwas unwiederbringlich verschwand.

Er wurde reich, berühmt, bestätigt. Doch er wusste, dass es nicht genug war. Die Zukunft lag in der Elektrizität. Ein anderes Prinzip, eine andere Eleganz. Wieder stellte sich kein moralisches, sondern ein technisches Problem: Wie macht man es besser? Er entwickelte Glühfäden aus Osmium und später aus Wolfram, Materialien, die das elektrische Licht erst tragfähig machten. Als die grossen Hersteller ihre Glühlampenabteilungen zusammenlegten und das neue Unternehmen Osram nannten – Osmium, Wolfram, seine beiden Metalle –, war Carl nicht überrascht. Er hätte vielleicht auch nicht erwartet, dass sein Name dabei verschwinden würde. Aber so war es.

Steiermark, Sommer 1928.

Abends saß Carl manchmal auf der Veranda seines Gutes und tat nichts. Keine Notizen, keine Berechnungen. Die Städte waren weit genug, dass die Nacht noch dunkel war.

In einer Julinacht hörte er auf, an etwas anderes zu denken.

Die Milchstraße stand über dem Tal, dicht und still, ein Band aus Licht, das kein Labor je produziert hatte. Carl saß lange, ohne sich zu bewegen.

Er starb im August 1929, auf dem Gut, in einem Zimmer, dessen Fenster auf den Garten zeigten. Die Nacht war klar. Ob er hinaussah, ist nicht überliefert.

Berlin, frühe 1930er Jahre.

Das Thorium der Auergesellschaft hatte ein Problem: Es war übrig. Die Glühstrümpfe brauchte niemand mehr, das Lager war voll, und ein Element mit einer Halbwertszeit von vierzehn Milliarden Jahren lässt sich schlecht wegwerfen. Die Lösung kam aus der Marketingabteilung: Zahnpasta. Doramad, radioaktiv, für weisse Zähne und ein strahlendes Lächeln.

Die Anzeigen zeigten glückliche Familien, Kinder mit offenen Mündern, Väter, die nickten. Der Text versprach „energetische Strahlen, die schädliche Bakterien hemmen“ und „eine spürbare Belebung des Zahnfleisches“. Radioaktivität war kein Warnhinweis, sie war ein Verkaufsargument. Die Menschen kauften die Tuben, stellten sie ins Badezimmerschränkchen neben die Rasiercreme, putzten zweimal täglich, morgens und abends, und strahlten dabei, in jeder Hinsicht.

Niemand fragte, woher das Material stammte. Niemand kannte Carl Auer von Welsbach mehr. Aber das Thorium, das er aus dem Gestein gelöst hatte, um die Nacht zu erhellen, verschwand nun in Mündern, in Körpern, in Abwässern – unsichtbar, wie immer. Nur die Wirkung war eine andere.

Paris, Herbst 1944.

Die Alsos-Mission war eine kleine Einheit amerikanischer Wissenschaftler und Geheimdienstoffiziere, deren Auftrag lautete: herausfinden, wie weit die Deutschen mit der Atombombe waren. In befreitem Paris fanden sie in Büros der Auergesellschaft Dokumente, die auf einen Chemiker namens Jansen hinwiesen. Jansen hatte offenbar die gesamten Thoriumvorräte Frankreichs gestohlen und nach Deutschland verschifft. Ein Chemiker. Thorium. Atombombe. Die Schlussfolgerung schien eindeutig.

Die Jagd dauerte Monate. Sie führte durch Belgien, durch verhörte Mittelsmänner, durch beschlagnahmte Aktenmappen. Als sie Jansen schliesslich fanden, sass er im belgischen Eupen – im Haus der Eltern seiner Sekretärin. In seinem Koffer: penibel geführte Reisenotizen, Quittungen, Korrespondenz. Die Alsos-Agenten verhörten ihn tagelang, und je länger sie seine Unterlagen studierten, desto beunruhigender wurde das Bild. Jansen war mehrfach nach Haigerloch gereist. Haigerloch – genau der Ort, auf den andere Hinweise deuteten. Ein geheimer Reaktor. Heisenberg. Der Kern des deutschen Atomprogramms.

Der Beweis schien erdrückend.

Er war es nicht. Jansens Grossmutter wohnte in Haigerloch. Sie war alt, er besuchte sie regelmässig, er hatte das immer getan. Die Reisenotizen dokumentierten Familienbesuche, keine Geheimmissionen. Samuel Goudsmit, wissenschaftlicher Leiter der Alsos-Mission, schrieb später trocken in seinen Bericht, der Fall sei intern unter dem Namen „Operation Toothpaste“ geführt worden. Das Thorium war nicht für eine Bombe gestohlen worden, sondern für Zahnpasta – die Auergesellschaft hatte auf die Nachkriegswirtschaft gesetzt und wollte den Markt beherrschen. Kein Kommentar.

Aber die Dokumente enthielten noch etwas anderes: echte Hinweise auf einen Reaktor. In Haigerloch. Unter einer Schlosskirche. Und auf Heisenberg.

Haigerloch, April 1945.

Der Reaktor lag im Felsenkeller unter der Schlosskirche von Haigerloch, als hätte jemand die deutsche Atombombe im Keller einer Dorfkirche versteckt. Die Alsos-Einheit unter Colonel Pash fand ihn am 23. April 1945: einen Zylinder aus Graphitblöcken, 664 Uranwürfel an Ketten, Schwerwasser in Tanks. Heisenberg war längst geflohen, mit dem Fahrrad Richtung Bayern. Die Forschungsakten hatten die Wissenschaftler in einem wasserdichten Fass versenkt – in der Jauchegrube des Nachbargehöfts.

Goudsmit stand in dem niedrigen Gewölbe und betrachtete die Anlage. Er dachte an Los Alamos, an die tausenden Wissenschaftler, die Milliarden Dollar, die endlosen Hallen. Dann sah er das hier: eine Höhle, ein Fass in der Jauchegrube, ein Reaktor, der nie kritisch geworden war und es auch nie hätte werden können – er war schlicht zu klein. Er schrieb später, das ganze deutsche Atomprogramm sei auf einem „ludicrously small scale“ gewesen. Manchmal, schrieb er, hätten sie sich gefragt, ob die amerikanische Geheimdienstmission mehr gekostet habe als das gesamte deutsche Atomprogramm.

Die Verbindung zur Auergesellschaft – zu Carls Thorium, zu Carls Glühstrümpfen – war den Agenten nicht entgangen. Das Werk in Oranienburg hatte Uran und Thorium für Heisenbergs Reaktoren verarbeitet. Es war bereits am 15. März 1945 bombardiert worden: 612 amerikanische Bomber, 1500 Tonnen Sprengstoff. Nicht um die Deutschen zu stoppen – die waren bereits besiegt. Sondern um die Anlagen den Sowjets zu verweigern. Der Boden von Oranienburg ist bis heute radioaktiv verseucht.

Das Thorium der Auergesellschaft aber – das Thorium aus Carls Lagerhallen, das Thorium der Doramad-Tuben – lag noch in Berlin. Unangetastet. Unbeachtet.

Berlin, Mai 1945.

Die Sowjets luden alles ein. Systematisch, ohne Eile, mit Inventarlisten. Sechzehn Tonnen Thorium, ordentlich beschriftet, die Reste alter Glühstrümpfe, konserviert, sortiert. Kein Mensch hatte sie in den letzten Jahren beachtet – nicht die Alsos-Agenten, nicht Jansen, nicht Heisenberg. Die Fässer wurden verladen, Gleise Richtung Osten.

Drei Wochen später standen sie in Tscheljabinsk-40, geheim, unterirdisch, bereit für Physiker, die niemals die Glühstrümpfe Wiens gesehen hatten und es auch nicht nötig hatten. Die monatelange Jagd der Alsos-Mission, der Thoriumdiebstahl aus Frankreich, die Verhöre in Eupen, die Jauchegrube in Haigerloch, die Grossmutter: alles ohne Bedeutung. Das Material, um das es wirklich ging, hatte ruhig in Berlin gewartet. Es hatte Zeit gehabt. Es hatte immer Zeit.

Die Sonne ging über den Uralbergen unter. Hier drinnen arbeiteten Menschen unter elektrischem Licht, nach Verfahren, die ein Österreicher vor sechzig Jahren entwickelt hatte.

Heute.

Das Licht, das Carl Auer von Welsbach in Gang gesetzt hat, brennt noch. Es hat andere Formen angenommen – Glühbirnen, Leuchtstoffröhren, LEDs, die Bildschirme von acht Milliarden Telefonen – aber es brennt, und es wird mehr, Jahr für Jahr, Kontinent für Kontinent. Die Nacht zieht sich zurück wie ein Tier, das seinen Lebensraum verliert.

In der Steiermark, weit genug von den Städten, kann man die Milchstraße noch sehen. Manchmal fahren Menschen dorthin, eigens dafür, und legen den Kopf in den Nacken.

Carl hatte sie zuletzt 1928 gesehen. Auf der Veranda.

Die Milchstraße wartet trotzdem. Sie hat keine Wahl.

Stefan Fischer, 2026


Kurzvita


Stefan Fischer hat mir seiner Kurzgeschichte „Das Licht, das die Sterne fraß“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2025/2026 den dritten Platz gewonnen.

Er hatte sich längst daran gewöhnt, dass die Stadt niemals wirklich dunkel wurde, dass selbst die Stunden, die man früher einmal Nacht genannt hatte, nun nur noch eine andere Variante von Helligkeit darstellten, gedimmt vielleicht, leicht bläulich gefärbt, aber dennoch durchzogen von einem unaufhörlichen Leuchten, das sich zwischen die Gebäude legte wie ein zweiter, künstlicher Himmel, der keinen Stern duldete und keinen Schatten zuließ, der nicht sofort wieder vertrieben wurde.

Seine Arbeit bestand darin, dieses Leuchten zu überwachen und zu katalogisieren, es sozusagen zu optimieren, und es war eine jener Tätigkeiten, die so unspektakulär wirkten, dass sie kaum jemand bewusst wahrnahm, obwohl sie doch das Fundament dessen bildeten, was die Stadt inzwischen für Normalität hielt, nämlich eine lückenlose Sichtbarkeit, eine vollständige Kontrolle über jeden Winkel, jede Bewegung und noch so kleine Abweichung vom vorgesehenen Zustand.

Er saß in einem Raum ohne Fenster, der ironischerweise heller war als jede Straße draußen, und blickte auf Bildschirme, die ihm in endlosen Reihen Zahlen, Karten und abstrahierte Darstellungen von Lichtintensitäten lieferten, während er mit routinierten Handgriffen kleine Anpassungen vornahm, minimale Korrekturen, die in ihrer Summe dafür sorgten, dass es nirgendwo zu dunkel wurde, dass kein Bereich unter einen definierten Schwellenwert fiel, der irgendwo in einem Regelwerk festgeschrieben war, das er nie vollständig gelesen hatte, weil er ahnte, dass darin keine Geheimnisse mehr zu finden waren.

Es war in einer dieser Nächte, die sich von den anderen nur dadurch unterschieden, dass sie exakt genauso verliefen, als ihm eine Anomalie auffiel, ein kleiner, kaum wahrnehmbarer Fleck auf einer der Karten, der sich nicht sofort als Fehler einordnen ließ, weil er nicht flackerte, nicht verschwand, sondern einfach blieb, eine konstante Abweichung, die weder in den automatischen Korrekturmechanismen auftauchte noch von einem der üblichen Alarmsysteme gemeldet wurde.

Er vergrößerte den Ausschnitt, ließ sich die zugehörigen Daten anzeigen und stellte fest, dass dort, in einem unscheinbaren Innenhof zwischen zwei älteren Gebäuden, die Lichtintensität deutlich unter dem erlaubten Minimum lag, und zwar nicht erst seit kurzem – offenbar schon seit mehreren Stunden, vielleicht sogar seit Tagen, ohne dass es jemand bemerkt hatte, was an sich schon ungewöhnlich genug war, um seine Aufmerksamkeit zu binden.

Was ihn jedoch wirklich irritierte, war nicht die Abweichung selbst, vielmehr ihre Qualität, denn während andere Störungen meist das Ergebnis technischer Defekte waren, die sich in unregelmäßigen Mustern äußerten, wirkte dieser dunkle Bereich fast absichtlich, als hätte jemand die Helligkeit nicht einfach verloren, sondern gezielt entfernt, als wäre dort etwas entstanden, das sich den üblichen Mechanismen entzog, ohne sich dabei zu verstecken.

Er zögerte einen Moment, bevor er die zuständige Wartungseinheit informierte, und es war ein Zögern, das er sich später nicht mehr ganz erklären konnte, weil es weder rational begründet noch durch irgendeine Vorschrift gedeckt war – eher aus einer vagen, schwer greifbaren Empfindung heraus entstand, die ihm sagte, dass dieser Ort nicht sofort korrigiert werden sollte, dass man ihn vielleicht erst verstehen musste, bevor man ihn wieder dem System einverleibte.

Stattdessen verließ er seinen Arbeitsplatz früher als vorgesehen, was in seinem Bereich selten vorkam, und machte sich auf den Weg zu der angegebenen Adresse, wobei er zum ersten Mal seit langer Zeit bewusst darauf achtete, wie die Stadt in diesen Stunden in echt wirkte, wie das Licht von den Fassaden reflektiert wurde, wie es sich auf dem Asphalt sammelte und in den Fenstern brach und wie wenig Raum es für irgendetwas ließ, das sich nicht vollständig sichtbar machen wollte.

Als er den Innenhof erreichte, musste er zunächst stehen bleiben, weil sein Blick sich an die veränderten Verhältnisse anpassen musste, weil das, was dort herrschte, sich nicht sofort als Dunkelheit erkennen ließ, sondern eher als Abwesenheit von etwas, das er bis dahin für selbstverständlich gehalten hatte, und erst nach einigen Sekunden begann er zu begreifen, dass es hier tatsächlich dunkler war, als es irgendwo sonst in der Stadt sein durfte.

In der Mitte des Hofes befand sich ein Fenster, das zu einer der Wohnungen im Erdgeschoss gehörte, und durch dieses Fenster fiel kein Licht nach außen, sondern im Gegenteil eine Art von Schwärze, die von feinen Abstufungen durchzogen war, von kaum sichtbaren Nuancen, die sich erst dann offenbarten, wenn man länger hinsah und den Impuls unterdrückte, sofort nach einer Lichtquelle zu suchen.

Er trat näher heran, spürte, wie sich etwas in ihm veränderte, wie seine Gedanken langsamer wurden, weniger sprunghaft, weniger getrieben von dem ständigen Reiz der Umgebung, und er bemerkte, dass er Geräusche wahrnahm, die ihm zuvor entgangen waren, ein leises Rascheln, ein entferntes Klirren, vielleicht sogar seinen eigenen Atem, der in dieser ungewohnten Umgebung plötzlich eine Präsenz bekam, die ihm fast fremd erschien.

Er wusste nicht, wie lange er dort stand, wie lange er in dieses Fenster hineinblickte, das nichts zeigte und doch mehr enthielt als die unzähligen Bildschirme, vor denen er sonst seine Nächte verbrachte, aber als er sich schließlich abwandte, hatte er das Gefühl, etwas verloren und gleichzeitig etwas gefunden zu haben, ohne genau benennen zu können, worin dieser Austausch bestand.

Am nächsten Tag, oder vielmehr in der nächsten Schicht, wartete bereits eine Meldung auf ihn, die den Innenhof betraf, eine standardisierte Aufforderung zur Überprüfung und Behebung der Abweichung, versehen mit einer Prioritätsstufe, die keinen Aufschub duldete, und er wusste, dass er nun eine Entscheidung treffen musste, die über das hinausging, was seine Arbeit normalerweise von ihm verlangte.

Er hätte den Vorgang einfach weiterleiten können, hätte die entsprechenden Techniker schicken lassen, die das Problem innerhalb weniger Minuten behoben hätten, indem sie zusätzliche Lichtquellen installierten oder die bestehenden Systeme neu kalibrierten, und niemand hätte je erfahren, dass es diesen Ort überhaupt gegeben hatte, dass es für kurze Zeit etwas gegeben hatte, das sich der allgegenwärtigen Helligkeit entzogen hatte.

Doch während er die entsprechenden Formulare aufrief, während er die notwendigen Eingaben vorbereitete, spürte er erneut dieses Zögern, das nun stärker war als zuvor, deutlicher, fast schon drängend, und er erinnerte sich an den Moment vor dem Fenster, an die Ruhe, die sich dort eingestellt hatte, an die Art, wie seine Wahrnehmung sich verändert hatte, als wäre etwas in ihm wieder an seinen ursprünglichen Platz gerückt worden.

Er löschte die vorbereitete Meldung, ersetzte sie durch einen Eintrag, der die Anomalie als bereits behoben kennzeichnete, und fügte eine technische Begründung hinzu, die plausibel genug war, um keine weiteren Nachfragen auszulösen, obwohl sie im Grunde nichts anderes war als eine geschickte Umschreibung seiner Entscheidung, diesen Ort in seiner Abweichung bestehen zu lassen, zumindest vorerst.

In den folgenden Nächten kehrte er immer wieder dorthin zurück, zunächst aus Neugier, dann aus einem Bedürfnis heraus, das er sich selbst kaum eingestehen wollte, und jedes Mal stellte er fest, dass sich die Dunkelheit nicht veränderte – dass sie stabil blieb, als wäre sie nicht das Ergebnis eines Defekts, sondern etwas Eigenständiges, etwas, das sich behauptete, obwohl es in dieser Stadt eigentlich keinen Platz mehr haben sollte.

Er begann, kleine Veränderungen an den umliegenden Lichtsystemen vorzunehmen, minimale Anpassungen, die nicht auffielen, aber dafür sorgten, dass der Innenhof weiterhin außerhalb der üblichen Parameter lag, dass das Fenster seine Dunkelheit behalten konnte, und er entwickelte eine Sorgfalt, eine fast schon heimliche Hingabe, die im Widerspruch zu allem stand, was er zuvor über seine Arbeit gedacht hatte.

Eines Abends, als er wieder vor dem Fenster stand und in die Tiefe blickte, die sich ihm darbot, wurde ihm bewusst, dass es nicht nur um diesen einen Ort ging, nicht nur um diese eine Ausnahme, sondern um die Möglichkeit, dass es auch anders sein könnte, dass die Stadt nicht zwangsläufig so hell sein musste, dass es vielleicht mehr solcher Orte geben könnte, wenn man sie nur zuließ, wenn man aufhörte, jede Abweichung sofort zu korrigieren.

Er wusste, dass diese Gedanken gefährlich waren, nicht im unmittelbaren Sinne, sondern weil sie das Fundament seiner Tätigkeit infrage stellten, weil sie eine Ordnung berührten, die so selbstverständlich geworden war, dass sie kaum noch hinterfragt wurde, und dennoch konnte er sie nicht mehr zurückdrängen, konnte nicht mehr so tun, als wäre das, was er gesehen hatte, nur ein zufälliger Fehler gewesen, der sich leicht beheben ließ.

Als er schließlich eines Tages eine neue Anweisung erhielt, die eine umfassende Überprüfung aller Lichtsysteme vorsah, eine Maßnahme, die unweigerlich auch den Innenhof betreffen würde, stand er vor einer Entscheidung, die sich nicht mehr umgehen ließ, und während er die Daten vor sich sah und er die Möglichkeit hatte, alles wieder in den vorgesehenen Zustand zu bringen, erinnerte er sich an die Dunkelheit hinter dem Fenster und daran, wie sie sich angefühlt hatte, als hätte sie etwas in ihm freigelegt, das lange verschüttet gewesen war.

Er traf seine Entscheidung nicht in einem plötzlichen Moment der Rebellion, mehr in einer ruhigen, fast unscheinbaren Handlung, indem er nicht nur den Innenhof unangetastet ließ, sondern begann, auch an anderen Stellen kleine Abweichungen einzubauen, winzige Inseln geringerer Helligkeit, die zunächst kaum auffielen, die sich jedoch allmählich zu einem Muster verbanden, das nur er vollständig überblickte, ein Netzwerk aus Dunkelheit, das sich langsam durch die Stadt zog.

Während draußen weiterhin alles leuchtete, die Bildschirme in seinem Arbeitsraum unermüdlich ihre Daten lieferten und die Stadt sich selbst in ihrer vollständigen Sichtbarkeit bestätigte, wusste er, dass es nun Orte gab, an denen das Licht nicht alles bestimmte, Orte, an denen etwas anderes möglich war, etwas, das sich nicht messen ließ und nicht in Zahlen ausdrücken ließ, sondern nur erfahren werden konnte, wenn man bereit war, einen Moment lang nicht hinzusehen, sondern einfach in der Dunkelheit zu bleiben und die Abwesenheit von Licht zu genießen.

Christian Knieps, 2026


Kurzvita


Christian Knieps hat mir seiner Kurzgeschichte „Stadt aus Licht“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2025/2026 den vierten Platz gewonnen.

Die Laternen entlang der L168 sind neu. Das merkt man sofort – dieses kalte, klinisch-weiße LED-Licht, das keine Schatten macht, sondern nur harte, schwarze Schnitte in den Asphalt stanzt. Amalie hatte geglaubt, der kurze Weg durch das Moor wäre nachts angenehmer als tagsüber, wenn die Sonne das Wollgras bleicht und die Mücken in Schwärmen vor den Gesichtern tanzen. Sie hatte sich geirrt.

Das Licht leuchtet sie aus.

Nicht schützt – ausleuchtet. Wie ein Scheinwerfer auf einer leeren Bühne, und sie ist die Einzige auf dem Stück Asphalt zwischen Wümme und dem nächsten Ort, und hinter ihr – seit wie vielen Minuten jetzt? – sind Schritte.

Nicht umdrehen.

Sie dreht sich nicht um. Aber sie hört es. Ein Rhythmus, der ihrem eigenen folgt. Wenn sie langsamer wird, wird er langsamer. Das ist kein Zufall, das ist kein später Spaziergänger, das ist kein Hund ohne Leine. Amalies Herz beginnt schneller zu schlagen, und das Schlimmste an diesem Moment ist nicht die Angst – das Schlimmste ist das Licht. Diese gleichmäßigen weißen Kegel, alle zwanzig Meter, alle perfekt justiert. Sie zeigen genau, wo sie ist. Sie zeigen, wie weit es bis zur nächsten Kurve ist. Und sie zeigen, dass es keine Kurve gibt.

Flüchten auf der Straße wäre sinnlos. Er würde sie sehen, die ganze Zeit, über den gesamten geraden Strich bis zum Horizont. Sie würde rennen, und er würde sehen, wie sie rennt.

Amalie bleibt stehen.

Nicht aus Erschöpfung. Nicht aus Resignation. Sie steht, weil sie denkt – und weil rechts von ihr der Straßengraben aufhört und der Rand des Moors beginnt. Kein Zaun. Keine Abschrankung. Nur das Ende des Asphalts, und dann: Schwärze.

Absolute, tintenschwarze, vollständige Dunkelheit.

Torf, denkt sie. Nasses Torfmoos. Knöcheltiefer Morast, wenn man Pech hat. Aber kein Licht.

Sie springt.

Das erste, was sie hört, ist das Wasser in ihren Schuhen. Das zweite ist ihr eigenes Atmen. Das dritte – gar nichts mehr. Die Schritte hinter ihr haben aufgehört.

Amalie kauert hinter einem knorrigen Birkengestrüpp, das sie kaum sehen kann, und wartet. Ihr linkes Knie hat etwas Weiches berührt, als sie fiel – Torfmoos, federt wie ein Schwamm, kühl und feucht – und jetzt kniet sie darin und starrt zurück in Richtung Straße.

Dort steht er.

Sie sieht nur eine Silhouette. Einen Mann, der am Rand des Lichtkegels stehen bleibt und in die Dunkelheit blickt, in die sie verschwunden ist. Er hat eine Taschenlampe – natürlich hat er eine –, und er richtet den Strahl in das Moor, als könnte er damit die Nacht aufschneiden. Aber Taschenlampen funktionieren so nicht. Was er tut, ist: Er blendet sich selbst. Er macht seine eigenen Augen unbrauchbar, die gerade an dieses grelle weiße LED-Licht gewöhnt waren, und er schickt den Strahl in eine Schwärze, die ihm nichts zurückgibt.

Amalie hört ihn fluchen. Ein hartes, wütendes Geräusch.

Sie sieht ihn trotzdem.

Nicht gut, noch nicht – noch ist alles ein wenig verschwommen, noch tasten ihre Augen sich voran –, aber die Silhouette steht klar gegen den hellen Streifen der Straße hinter ihm. Und mit jeder Minute, die vergeht, wird das Bild schärfer. Das Rhodopsin in den Stäbchen ihrer Netzhaut tut seine Arbeit, langsam, behutsam, wie es immer getan hat, seit das erste Säugetier lernte, nachts über die Erde zu schleichen: Es baut sich auf. Passt sich an. Fünfzehn Minuten echte Dunkelheit, und man sieht, was man vorher nicht sehen konnte.

Er sieht das nicht. Er hat keine fünfzehn Minuten. Er hat Ungeduld und eine Taschenlampe und Wut, und das Moor interessiert sich für keines davon.

Irgendwann hört sie seine Schritte wieder – diesmal in die andere Richtung. Und dann: nichts mehr.

Amalie bleibt trotzdem sitzen.

Nicht aus Vorsicht, obwohl das auch ein Grund wäre. Sie bleibt sitzen, weil ihr Herzschlag langsamer wird und weil sie in diesem Moment zum ersten Mal wirklich wahrnimmt, wo sie ist.

Das Moor riecht nach Torf und nach altem, dunklem Wasser. Die Luft ist kühler hier als auf der Straße. Irgendwo ruft ein Vogel einmal, kurz, und dann ist es wieder still – aber es ist eine andere Stille als vorhin, keine bedrohliche, sondern eine volle. Eine Stille, die von Dingen bewohnt wird.

Sie sieht es zuerst aus dem Augenwinkel.

Ein kleines, grünliches Aufleuchten. Und dann noch eins. Und noch eins – und dann sind sie überall.

Johanniskäfer.

Dutzende zuerst, dann hunderte. Kleine, lautlose Lichter, die träge über dem schwarzen Wasser der Torfkanäle schweben, über dem Wollgras, das hell und gespenstisch über die Dunkelheit ragt. Kein Summen, kein Knistern. Nur dieses kalte, sanfte Grün, das kommt und geht, kommt und geht, als würde die Nacht selbst atmen.

Hier gibt es das noch, denkt sie.

Sie weiß, dass es die Männchen sind, die leuchten und suchen. Dass die Weibchen am Boden sitzen und antworten, kleiner, unscheinbarer. Dass dieser ganze alte, zarte Tanz seit Jahrmillionen so funktioniert – und dass er aufhört, sobald auch nur eine Laterne in der Nähe ist. Nicht weil das Licht die Käfer tötet, sondern weil es sie blind macht. Weil die Männchen die Weibchen im künstlichen Dauerlicht einfach nicht mehr finden.

Nur hier, in der Schwärze des Moors, hat dieser Zauber überlebt.

Amalie schaut nach oben. Zwischen dem Birkengestrüpp öffnet sich ein Streifen Himmel, und dort – glasklar, gespiegelt im stillen, schwarzen Wasser des Kanals neben ihr – liegt die Milchstraße. Kein Schleier. Kein Orangerot. Nur Sterne, so viele, dass das Wort Sterne plötzlich zu klein klingt für das, was sie sieht.

Amalie steht irgendwann auf. Ihre Hose ist nass bis zum Oberschenkel, ein Schuh macht bei jedem Schritt ein leises, saugendes Geräusch, und sie wird morgen erklären müssen, warum der Torf in ihrem Haar ist.

Aber während sie vorsichtig zurück zum Straßenrand tastet, denkt sie:

Die Dunkelheit hat mich nicht gefressen.

Sie hat mich versteckt. Hat sich zwischen mir und den Mann auf der Straße gestellt, was zwischen ihr und der ganzen lauten, überbeleuchteten Welt steht: ein stilles, altes Einverständnis. Ich sehe dich. Du siehst mich nicht. Du brauchst keine Angst zu haben.

Die Johanniskäfer leuchten noch, als sie auf den Asphalt tritt.

Hinter ihr, im Moor, brennt das Licht weiter – ohne Strom, ohne Laterne, ohne irgendjemanden, der es befohlen hat.

Gut so, denkt Amalie, und geht nach Hause.

Roswitha Böhm, 2026


Kurzvita

Beim Geschichtenwettbewerb von Dark Sky Nord ist sie kein neues Gesicht: 2025 gewann sie mit „Hoffnungsdunkelheit“ den ersten Platz.


Roswitha Böhm hat mir ihrer Kurzgeschichte „Dunkel genug für Sterne“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2025/2026 den fünften Platz gewonnen.

Liebe Freund*Innen der Nacht,

Das Ergebnis des Kurzgeschichtenwettbewerbs 2025/26 ‘Willkommen auf der dunklen Seite der Nacht‘ steht fest. Das Team war beeindruckt von der Vielfalt der Themen zum Thema, gerade auch, weil wir hier die Bereitschaft von Menschen und besonders von Schreibenden sahen, die sich den Herausforderungen der neuen Realität auf unserem Planeten stellen, kritisch hinterfragen und nach kreativen Lösungsansätzen suchen. Dafür von unserer Seite einen ganz herzlichen Dank.

Die Gewinner*Innen wurden bereits von uns entsprechend benachrichtigt.

Wir bedanken uns bei allen für die Teilnahme – auch wenn es dieses Mal noch nicht bis in die Longlist und dann Shortlist reichte. Wir hoffen, dass wir auch beim nächsten Mal wieder viele inspirierende Einsendungen von euch bekommen werden.

Doch jetzt genug der Worte. Hier kommen die Gewinner*Innentexte:

1. Platz: Wurst- und Durstgeschichten – Der Hanswurst und die Nacht, die endlich wieder Nacht sein durfte von Florian Link
2. Platz: Wiederanschalten von Ute Kreibaum
3. Platz: Das Licht, das die Sterne fraß von Stefan Fischer

Auch dieses Jahr entschieden wir uns im Team, Geschichten einen Sonderpreis in Form einer Veröffentlichung auf unserer Homepage zu verleihen: In einer Zeit, in der viele Menschen wegsehen und ihrem business-as-usual folgen, wollen wir einige unter euch für euer Engagement würdigen, indem wir euren Geschichten Sichtbarkeit geben.

  • Stadt aus Licht von Christian Knieps
  • Dunkel genug für Sterne von Roswitha-Böhm

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.
Die Geschichten werden wir in den nächsten Tagen entsprechend veröffentlichen.

Ich atmete erleichtert auf, als ich die Tür hinter dem letzten Gast schloss.

„Sehr gut gemacht, Mina“, lobte mein Chef und schaltete das Licht im Saal wieder an. Sterile Scheinwerfer flackerten grell auf, kalt wie Neon in einem Wartezimmer. „Damit hast du deine erste Vorstellung mit Bravour hinter dich gebracht.“

Er hielt die Hand hoch, und ich schlug ein – etwas schüchtern, aber mit einem Grinsen, das ich nicht ganz unterdrücken konnte.

„Das Planetarium ist jetzt über die Mittagszeit geschlossen und öffnet um 15 Uhr wieder“, erklärte er. „Könntest du den Saal noch etwas putzen, durchgehen, ob etwas liegen geblieben ist, Müll aufsammeln und so?“ Er blickte mich fast entschuldigend an, doch ich kannte solche Aufgaben schon aus meinem Ferienjob im Kino – sie machten mir nichts aus. Ich nickte und reckte den Daumen nach oben. „Danach darfst du dann gerne ein bisschen mit dem System herumprobieren. Ich hab‘ dir ja erklärt, wie alles funktioniert – tob dich ruhig aus, dann kannst du Vorstellungen bestimmt schon bald komplett übernehmen. Keine Sorge, die Technik hier ist kaum kaputt zu kriegen. Und wenn du Fragen hast: Ich bin bei der Kasse, komm einfach vorbei.“ Er lächelte mir zu, dann verließ er den Saal – und ich blieb allein zurück.

Mit einer seltsamen Mischung aus Stolz und Ehrfurcht blickte ich mich in dem Kuppelsaal um. Das harte Licht der Deckenstrahler brannte unangenehm auf meiner Haut, sodass meine Finger beinahe instinktiv nach dem Schalter tasteten, den mein Chef eben noch bedient hatte. Die Lampen erloschen mit einem Klicken – und ließen ein mattes Flackern auf meiner Netzhaut zurück, als wäre ihr Licht noch kurz im Raum geblieben. Ich blinzelte, bis die Dunkelheit wieder angenehm wurde.

Mein erster Tag im Planetarium. Ich hätte platzen können vor Freude. Letzten Sommer hatte ich im Kino nebenan gejobbt, aber dieses Jahr – dieses Jahr hatte ich diesen Ort hier bekommen. Und mein Chef hatte sogar gesagt, ich könnte vielleicht bald eigene Vorstellungen halten!

Vorsichtig trat ich an den Projektor heran und musterte die komplizierte Apparatur. Wie war das nochmal? Mein Chef hatte gesagt, ich müsse hier drücken – oder war’s der andere Knopf?

Ich atmete tief durch und betätigte vorsichtig den Schalter. Die Halle versank im Halbdunkel und die Kuppel über mir begann zu glimmen – weich, sanft, fast beruhigend. Zarte Lichtstrahlen zeichneten einen künstlichen Nachthimmel. Sterne funkelten auf, so klar und fein gezeichnet, als wären sie durch eine geheime Linse sichtbar, die nur dieser Ort besaß; hochauflösende Aufnahmen, detailgetreuer als mit bloßem Auge wahrnehmbar.

„Sie sind zu hell“, ertönte plötzlich eine Stimme hinter mir – ein Junge.

Ich fuhr erschrocken herum. Auf einem der Polstersessel saß jemand, ein kleiner Junge mit zerzaustem Haar und finsterem Blick. Er trug schicke, wenn auch etwas altbackene Kleidung; die Sorte, in die Großeltern ihre Enkel gerne steckten, um mit ihnen in ein Konzert oder so zu gehen. Seine Lippen waren zu einem Schmollmund verzogen.

„Wer bist du?“, fragte ich irritiert und sah mich um – der Saal war leer, das wusste ich genau. Wir hatten kontrolliert. Was machte der Junge also noch hier?

Er antwortete nicht, starrte nur weiter mit zusammengekniffenen Augen auf das Firmament über uns.

„Hör mal, die Vorstellung ist vorbei. Deine Familie sucht dich sicher schon“, versuchte ich, ihn auf möglichst höfliche und subtile Weise aus dem Saal zu scheuchen. Allerdings ohne Erfolg – der Kleine blieb stur sitzen.

Immerhin ließ er sich zu einer Antwort herab. „Tut sie nicht. Sie wissen, dass ich hier bin.“

Ich runzelte die Stirn. Der Junge seufzte übertrieben und sah mich dann endlich an. „Du bist neu, oder? Ich bin der Sohn von Herrn Horn, dem Hausmeister. Herr Markula lässt mich in den Pausen oft hier rein. Manchmal darf ich mich sogar in die Vorstellungen schleichen.“

Ich verzog das Gesicht. Am liebsten wäre ich rausgegangen und hätte meinen Chef gefragt, ob das stimmte. Aber der Ton des Jungen war so selbstsicher – fast überheblich –, dass mir die Vorstellung peinlich erschien, er könnte Recht haben.

„Dann bleib aber da sitzen und renn nicht rum oder sowas, okay? Ich muss hier saubermachen“, murmelte ich und wandte mich zum Lichtschalter, um die andächtige Nacht um uns herum zu vertreiben. Ich merkte selbst, dass ich etwas patzig klang; mir gefiel sein Ton nicht. Andererseits – ich war fünfzehn, er vielleicht zwölf. Ich sollte da drüberstehen.

„Oder… du könntest mich als Testpublikum nehmen und üben“, schlug er verschmitzt vor.

Ich hielt inne und verengte skeptisch meine Augen. Mein Chef hatte gesagt, ich dürfte mit der Technik herumprobieren… warum eigentlich nicht?

„Na gut. Aber keine Kommentare, klar? Ich mach das zum ersten Mal.“

Ich kramte das dicke Buch über Sternbilder hervor und blätterte zum Kapitel ‚Hochsommer‘. Doch im schummrigen Licht konnte ich die Abbildungen kaum erkennen. Also zog ich mein Handy aus der Tasche.

„Was machst du da?“, fragte der Junge entsetzt.

„Was wohl? Ich kann im Dunkeln nichts lesen.“

„Mach das Licht aus! Du störst die Sterne!“

„Ich glaube nicht, dass sich die Sterne so einfach stören lassen”, erwiderte ich, ohne ihm groß Beachtung zu schenken. “Stell dir einfach vor, es ist ein zusätzlicher Stern. Einer, der nur für dich hier unten leuchtet.“ Ich fand den Gedanken charmant – er anscheinend nicht.

„So ein Quatsch. Kein Stern ist so grell und hässlich wie das Ding. Nicht mal der Mond.“

„Tja, damit wirst du jetzt leben müssen, bei meiner Vorstellung nämlich schon, ich nenne ihn den ‚Handystern‘. Also…“ Ich glich das Bild im Buch angestrengt mit der Projektion über mir ab, aber es sah völlig anders aus. Frustriert biss ich mir auf die Lippe.

„Ähm… das da müsste der Sirius sein?“, versuchte ich es auf gut Glück und zeigte auf irgendeinen Punkt über uns.

Der Junge sah mich fassungslos an. „Bist du dumm?“ Es klang so perplex, dass ich fast lachen musste – fast.

„Bitte?“

„Das ist nicht mal in der Nähe vom Großen Hund. Und Sirius sieht man im Sommer gar nicht – erst ab Herbst, oder im Spätsommer ganz früh morgens.“

„Dann ist es eben der Orion!“

„Orion ist ein Sternbild, kein einzelner Stern. Und auch das sieht man eher im Winter.” Er sah mich skeptisch an. “Hast du den Nachthimmel überhaupt mal gesehen?“

Langsam platzte mir der Kragen. „Nachts ist es gefährlich draußen. Hat man dir das nicht beigebracht?“

Er zuckte nur mit den Schultern. „Nicht gefährlicher als tagsüber. Du solltest den Himmel wirklich mal beobachten. Den echten! Jetzt besonders. Der Perseidenschwarm steht kurz bevor, das ist wunderschön, und—“

Plötzlich verstummte er. Dann duckte er sich unter seinen Sitz.

Ein harter Lichtstrahl schnitt durch das Dämmerlicht. Die Tür war aufgeflogen.

„Was soll das werden?“, krächzte eine Stimme. Ein alter Mann tappte herein, schaltete die Deckenstrahler an – das kalte Licht erstickte die Sterne in einem Moment. Ich riss mir instinktiv den Arm vors Gesicht.

„Nick hat gesagt, du hättest schon alles sauber gemacht. Stattdessen sitzt du hier rum und glotzt aufs Handy.“

„V-Verzeihung, ich… ich wollte nur ein bisschen üben… Und dann war da dieser Junge, der unbedingt wollte, dass ich ihm etwas zeige…“ Ich sah mich hilfesuchend um, doch natürlich war von dem kleinen Kerl nicht die geringste Spur mehr.

„Heinrich, was ist denn los, was schreist du hier so herum?“, rettete mich die Stimme meines Chefs aus der Bredouille. Er sah mich bedröppelt vor dem alten Mann stehen, seufzte und kam in den Saal.

„Deine neue Mitarbeiterin faulenzt hier nur rum, gleich an ihrem ersten Tag. Ich hab‘ dir doch gleich gesagt, ich halte nichts von dieser Ferienjobidee, aber du wolltest ja nicht auf mich hören –“

„Ich regel‘ das, Heinrich. Sei so gut und schau nach dem Eingangsbereich, ja?“, unterbrach ihn mein Chef bestimmt.

Widerwillig trollte sich der Alte. Mein Chef wandte sich mir zu.

„Tut mir leid, Mina. Das war unser Hausmeister, Heinrich Mann. Er ist… nun ja, nicht der feinfühligste Mensch. Ich sprech‘ nochmal mit ihm.“

Ich nickte langsam, ehe mir etwas einfiel. „Ich dachte, unser Hausmeister heißt Herr Horn?“

Er runzelte die Stirn. „Nein. Heinrich ist unser einziger Hausmeister. Vielleicht gab’s mal einen Herrn Horn, aber nicht seit ich hier bin.“

Ich sagte nichts mehr – sondern begann schweigend mit dem Aufräumen.

Später, im Bus nach Hause, fiel mir auf, dass ich meinen Chef gar nicht mehr auf den vorlauten Jungen angesprochen hatte.

Ich nahm mir vor, das morgen nachzuholen – und ihm dabei auch zu stecken, was ich von den Manieren des Kleinen hielt, immerhin brachte er damit das gesamte Planetarium in Verruf, wenn einer der Gäste ihn einmal finden würde.

In der Nacht konnte ich nicht schlafen. Ich wälzte mich im Bett, bis ich es schließlich aufgab, aufstand und mich auf mein Fensterbrett hockte.

Hast du den Nachthimmel überhaupt mal gesehen? – vorlauter Bengel, ich sah ihn jetzt gerade. Das endlose Firmament, die funkelnden Sterne; direkt vor mir.

Grimmig starrte ich in die Dunkelheit und je länger ich hinaussah, desto mehr Lichtpunkte erschienen. Ich blinzelte und sie verschwanden, ehe sie allmählich, beinahe schüchtern wieder aufglommen. Wie ein langsames Erinnern. Keine grellen Flächen, keine flimmernden Deckenstrahler. Nur das weiche, ferne Licht der Sterne.

Bei weitem nicht so spektakulär wie die gestochen scharfen Projektionen im Planetarium eigentlich…

Trotzdem.

Der Junge hatte recht gehabt. Der Himmel war schöner, wenn er echt war.

Vielleicht sollte ich ihm das morgen sagen. Damit er sich seine blöden Sprüche sparen konnte.

Ich habe den seltsamen Jungen nie wieder gesehen.
Aber das wusste ich in dem Moment noch nicht, als ich dort saß. Während über mir ein erster Schweif durchs Dunkel huschte – ein Lichterspiel auf dunklem Grund – und mich die Magie des Firmaments langsam in ihren Bann zog.

Der Perseidenschwarm hatte begonnen.

Sabine Geschka, Juni 2025


Kurzvita

Sabine Geschka (28) schreibt seit ihrer Kindheit mit Vorliebe fantastische und geheimnisvolle Geschichten. Inspiriert vom Nachthimmel und seiner stillen Magie, erschafft sie atmosphärische Welten voller Lichtspiele und eigens erdachter Firmamente. Auch wenn sie bisher noch nicht veröffentlicht wurde, begleitet sie das Schreiben als kreative Konstante durchs Leben.


Sabine Geschka hat mir ihrer Kurzgeschichte „Künstliche Sterne“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2024/2025 mit einen Sonderpreis gewonnen.

Nico Harmsen sah verwirrt auf die neueste E-Mail in seinem Postfach: „Sorgen Sie dafür, dass man die sieben Schwestern wieder sieht, sonst werden Sie Ihre Schwester nie wiedersehen!“

Er griff zu seinem Handy, schrieb Mira eine Nachricht: „Geht’s dir gut? Soll das ein Witz sein?“

Lange starrte er den Bildschirm an, keine Antwort. Sein Blick schweifte von seinem Schreibtisch, durch die Fensterfront des Bürgermeisterbüros, hinaus auf das Lichtermeer Bremens, das im Nieselregen verschwamm. Unten auf dem Marktplatz wurden gerade die Buden für den Weihnachtsmarkt aufgebaut und bunte Lichterketten montiert. Wer waren diese sieben Schwestern? Er kannte niemanden, der heute noch so eine große Familie hatte.

Auch auf einen Anruf reagierte Mira nicht. Er sah sich die merkwürdige E-Mail näher an, dark-sky@gmail.com. Eine Allerweltsadresse, die ihren Urheber nicht preisgab. 

Er hatte Mira vor über vier Wochen zuletzt gesehen, vor ihrem Urlaub in Namibia. Seine kleine Schwester war seit dem Tod ihrer Eltern die einzige Familie, die er noch hatte. Seine Hände begannen zu zittern.

Seit seinem Amtsantritt hatte er einiges an merkwürdigen E-Mails bekommen, Spinner, die ihren Frust an ihm ausließen – über alles, was ihrer Meinung nach schlecht lief in der Hansestadt, Wehklagen, dumme Witze und echte Wut. Davon würde er sich nicht aus der Ruhe bringen lassen, auch wenn Mira mal einen Abend lang nicht erreichbar war. Er trank seinen Kaffee aus und griff zur Maus. Die Mail landete im Papierkorb, Nico Harmsen machte Feierabend und fuhr nach Hause.

Am nächsten Morgen hatte Mira sich noch immer nicht gemeldet. Dafür gab es eine neue Mail: „Sie scheinen uns nicht verstehen zu wollen. Schauen Sie heute Abend um 10 Uhr nach Osten in den Himmel und Sie werden sehen, was wir meinen. Oder besser: Sie werden es nicht sehen!“

Nico wurde flau. Mira hatte einen anderen Nachnamen als er, die Öffentlichkeit wusste nicht, dass er überhaupt eine Schwester hatte.

In der Mittagspause sagte er seine Termine für den Nachmittag ab und fuhr zu Miras Wohnung. Klingelte einmal, dann noch einmal. Niemand reagierte. Der Weserkurier steckte noch im Briefkasten.

Er wollte es nicht tun. Wenn man einmal auf ihr Spiel einging, hatten sie einen. Dennoch antwortete er auf die E-Mail: „Wer sind Sie? Was wollen Sie? Ihre Drohung kann rechtliche Konsequenzen haben.“

Am Abend hielt er es nicht mehr aus. Er arbeitete sich durch stapelweise Unterlagen, um die Zeit bis zehn zu überbrücken. Es war ein wolkenloser Abend, als er an das kleine Fenster im obersten Stock des Rathausgiebels trat und hinab auf den Domshof sah.

Der Mond war noch nicht aufgegangen. Oder war Neumond? Er hatte sich nie viel für den Nachthimmel interessiert. Wenn Mira jetzt hier wäre, könnte sie ihm sicher weiterhelfen. Sie kannte sich aus. 

„Weißt du eigentlich, was mein Name auf Spanisch bedeutet?“, hatte sie einmal gefragt und die Frage sofort selbst beantwortet: „Schau hin!“ Er fragte sich, warum er sich jetzt an dieses Detail erinnerte. „Verdammt, Mira, wo soll ich denn hinschauen?“, murmelte er leise, während er nach Osten in den Himmel starrte. Er sah … nichts. Ein paar vereinzelte Sterne. Was hatte er denn auch erwartet? Dass Mira zu ihm herabgeschwebt käme wie eine fliegende Untertasse?

Unten im Büro blinkte eine neue E-Mail: „Haben Sie nun gemerkt, dass Merope Ihnen fehlt? Oder sollten wir besser ‘Mira’ sagen?“
Ihm stockte der Atem. Das war kein Zufall mehr, der Name zerstörte alle Zweifel. Ein Spinner – vielleicht, aber einer, der mehr wusste, als Nico lieb war.

Er öffnete einen Webbrowser, tippte den Namen „Merope“ ein. Bilder von Sternen tauchten auf: die Plejaden. Er erinnerte sich, wie Mira und er als Kinder in lauen Sommernächten im Garten unter dem Sternenhimmel gelegen hatten. Damals hatten sie Hunderte von Sternen gesehen. Er spähte nochmal aus seinem Fenster. Jetzt sah er vielleicht zehn oder elf. 
Die Plejaden mussten wohl auch dabei gewesen sein. Ein Sternhaufen aus ungefähr sieben sichtbaren Einzelsternen – das waren also die sieben Schwestern. Merope war eine davon, ein unscheinbarer Punkt, oft übersehen, manchmal unsichtbar. „Die verlorene Schwester“, nannte Wikipedia sie. Sie war immer da. Nur eben zu lichtschwach. Oder die Welt war zu hell geworden, um sie noch zu sehen.

Auch am nächsten Tag blieb seine Schwester verschwunden. Er gab die E-Mail an seine Rechtsabteilung, man werde sich kümmern. Als am Abend der Weihnachtsmarkt eröffnet wurde, saß er noch immer an seinem Schreibtisch, als würde er auf ein weiteres Zeichen der Spinner warten.

Plötzlich ging draußen das Licht aus, der Weihnachtsmarkt lag im Dunkeln, auch das Rathaus und die umliegenden Gebäude waren nicht mehr angestrahlt, nur die Straßenlaternen brannten weiter.

Eine neue E-Mail ploppte auf: „Das war erst der Anfang. #LichtAusFürMerope.“

Ohne genau zu wissen, warum, schlich er wieder zum Giebelfenster und starrte gen Osten. Vielleicht lag es daran, dass er nun wusste, wonach er suchte, denn er sah einen blass glitzernden Lichtfleck. Das mussten die Plejaden sein. Und da sollte man sieben Sterne erkennen können? Was für ein Unfug!

Schon vor Jahren hatte Mira sich über die Lichtverschmutzung beklagt. Sie hatte ihm einmal einen Vortrag von irgendeinem Umweltverband geschickt. Damals hatte er sie ausgelacht. „Romantischer Quatsch“, hatte er gesagt. Und sie hatte nur leise gelächelt. „Irgendwann wirst du es verstehen, großer Bruder.“

Er begann zu googlen, stieß schließlich auf eine Karte: Lichtverschmutzung in Mitteleuropa. Dunkle Orte in Deutschland: Die Rhön, die Eifel, die Nordseeinseln. Bremen war tiefrot eingefärbt, fast nur noch übertroffen von Hamburg und Belgien mit seinen beleuchteten Autobahnen.

Draußen ging das Licht wieder an, das Technikteam war erfolgreich gewesen. Der Weihnachtsmarkt erstrahlte in hellem Lichterschein, der die Nacht verschluckte.

Keine neue Mail, kein Lebenszeichen von Mira.

Was hatte in der E-Mail gestanden? #LichtAusFürMerope. Er suchte auf Instagram, das Rathaus hatte einen offiziellen Account. Er fand Fotos. Menschen fotografierten den Himmel über Bremen. Ein Himmel ohne Sterne. Und forderten Dunkelheit für Merope. Er leitete auch diese Beiträge an die Rechtsabteilung weiter.

Am nächsten Abend gab es erhöhte Polizeipräsenz auf dem Marktplatz. Das Weihnachtsgeschäft sollte nicht gestört werden. Nico Harmsen starrte abwechselnd aus dem Fenster und dann wieder mit einer Mischung aus Angst, Wut und Hoffnung auf seine Mailbox. Um Punkt zehn Uhr erlosch erneut die Weihnachtsmarktbeleuchtung. Auf der gegenüberliegenden Schütting-Fassade flackerte ein paar Sekunden lang eine mannshohe Projektion: #LichtAusFürMerope. Ironisch eigentlich – ausgerechnet mit gleißendem Licht. Es war das letzte, bevor der Platz vollständig dunkel wurde.

Neue Postings erschienen online unter demselben Hashtag. An einem Beitrag blieb er hängen: eine junge Frau stand nachts in einem Sommerkleid auf einer roten Düne unter einem schier unendlichen Sternenhimmel. Nico sah genauer hin. Mira. Das Bild musste bei ihrem Afrikaurlaub in der Namib entstanden sein. „Dunkelheit ist ein Menschenrecht. Wir fordern, dass es auch bei uns nachts wieder so aussieht! Sonst wird Mira in der Wüste bleiben.“ Wo war seine kleine Schwester jetzt? Woher hatten sie diese Aufnahme? Er schaute sie nochmal an. Sehnsuchtsvoll. Und wusste selbst nicht, ob er sich mehr nach Mira oder nach dem Naturschauspiel über ihr sehnte.

Am nächsten Morgen war das Dilemma nicht mehr zu übersehen: Die Lokalnachrichten berichteten über den Vorfall, die Rathauspresse drängte auf eine Stellungnahme. Auf Instagram forderten Aktivist:innen ein neues Lichtkonzept für Bremen. Radio Bremen hatte eine Ökologieprofessorin ins Studio geladen, die von verwirrten Vögeln, wachgehaltenen Menschen und dem Verschwinden der Sterne sprach. Sogar der Wettermann beendete seinen Beitrag mit einem breiten Grinsen, als er „Und nun: Licht aus für Merope“ sagte.

Nico fuhr sich nervös durch die Haare. Was sollte er tun? Er konnte doch nicht den namibischen Nachthimmel über Bremen zaubern, so majestätisch er auch war. Wie stellten die sich das vor? 

Als ob sie ihn gehört hätten, ging am Abend ein neues Posting viral. Sein Gesicht – das offizielle Rathaus-Porträt. Darunter die Frage: „Soll der Bürgermeister das Licht ausschalten? Dann liked diesen Beitrag und teilt ihn in eurer Story! Wir fordern ein neues Beleuchtungskonzept für Bremen und eine Nacht der völligen Dunkelheit. Damit wir wieder wissen, was wir verloren haben. #LichtAusFürMerope“

Nico Harmsen fluchte leise. Er wollte nicht. Nicht so. Er wusste sehr gut, was er verloren hatte. Oder könnte er sich ein Zeichen des guten Willens erlauben? Wegen Mira? Seine Verkehrssenatorin zog die Augenbrauen hoch, der Umweltsenator war unentschlossen, die Rechtsabteilung skeptisch. Man dürfe sich nicht erpressbar machen. Sein Bürgermeister-Ich stimmte zu. Der große Bruder von Mira war weniger standhaft. Er dachte wieder an die Augustnächte auf der Wiese im Garten, die Sternschnuppen, das Zirpen der Grillen, das duftende Gras. Wozu war er denn Bürgermeister geworden, wenn ihm nicht mal diese Entscheidungsgewalt zustand?

Er überging seine Presseabteilung und setzte selbst den Instagram-Post ab. Man brauche drei Tage Zeit, um auf die Forderungen einzugehen, und wenn seine Schwester dann nicht zurückkäme, würde die Polizei aktiv.
Sein Team wäre am nächsten Morgen sicher nicht erfreut, aber das war ihm egal.

In den folgenden drei Tagen arbeiteten Stadtplanung und Umweltdezernat hektisch. Dann war es soweit. Bürgermeister Harmsen verlas am Abend im Live-Stream den ersten Entwurf für das neue Lichtkonzept. Als er geendet hatte, glaubte er fast, ein sanftes Klicken zu hören. Dann war es dunkel. Feierlich löschte er auch das Licht auf seinem Schreibtisch und beendete die Übertragung.

Dann stieg er wieder hinauf in den Dachgiebel und öffnete das Fenster. Sein Atem gefror. Die Stadt war dunkel, aber über ihm breitete sich ein Nachthimmel, wie er ihn zuletzt in seiner Kindheit gesehen hatte, auf der Picknickdecke neben Mira. „Schau hin“ schien sie ihm wieder zuzurufen. Vielleicht hatte er schon zu lange nicht mehr hingesehen, auf das, was zählte. Glitzernde Sterne an einem schwarzen Himmel, von einem Ende des Horizonts zum anderen. Ein überirdisches Funkeln am wolkenlosen Firmament. Er kam sich sehr klein und gleichzeitig unendlich geborgen vor in diesem Moment. War nicht mehr der Bürgermeister von Bremen, sondern der kleine, staunende Junge, alleine mit dem Weltall. Nico lächelte.

Dann wanderte sein Blick nach Osten, hinauf zu den Plejaden. Er zählte, zählte noch einmal. Erst fünf, dann sechs. Verdammt! Es waren nur sechs Sterne in der dunklen Winternacht. Trotz allem. Sein Lächeln erstarb.

Sie hatten ihn gelinkt. Die siebte Schwester blieb verschwunden. 

Auf einmal berührte eine Hand seine Schulter und er hörte eine vertraute Stimme: “Man kann sie fast nie sehen. Aber jetzt wissen wir zumindest, dass sie noch da ist.”

„Mira!“

Er hörte ein leises Lachen.

„Danke, dass du es getan hast, Nico. Du hast endlich hingeschaut.“

Seine verspannten Schultern entkrampften sich wieder.

Merope war immer noch unsichtbar. 

Doch Mira war zurückgekehrt.

Rea Sommer, Juni 2025


Kurzvita

Rea Sommer ist im Saarland aufgewachsen und hat schon als Kind im Sommer nachts auf der Terrasse gelegen und den Perseiden aufgelauert. Bei Reisen durch die Wüsten Namibias, die ostafrikanische Savanne und die Bergwelt in Marokko hat sie die Schönheit eines dunklen Nachthimmels schätzen gelernt. Lange hat sie im Ruhrgebiet gelebt, wo es selbst dann nicht wirklich dunkel wird, wenn man im Winter um drei Uhr nachts noch am Schreibtisch sitzt. Heute schreibt sie von der Ostseeküste aus – und weiß die Dunkelheit wieder neu zu würdigen.


Rea Sommer hat mir ihrer Kurzgeschichte „Licht aus für Merope“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2024/2025 mit einen Sonderpreis gewonnen.

Ein Blitz zuckt über den nachtdunklen Himmel und erleuchtet kurz die kleine Stadt, die sich an den Berg schmiegt. Grollender Donner folgt nur einen Moment später.

In den meisten Fenstern brennt Licht. Es wirft seinen Schein bis auf die tiefhängenden Wolken, verwandelt den prasselnden Regen in goldene Fäden, wo dieser vor den Scheiben zu Boden fällt.

In einem der erleuchteten Zimmer sitzt ein Junge. Bei dem lauten Knallen drückt er einen Teddy enger an seine Brust. Er ist schon acht, natürlich hat er keine Angst vor einem einfachen Gewitter. Seinen Eltern hat er noch versichert, dass er für einen Abend allein auskommt, sollen sie ruhig zu ihrem langweiligen Theaterstück gehen.

Aber die Bäume sind schaukelnde Schatten vor seinem Fenster und ist das nicht vielleicht doch ein Monster in seinem halb geschlossenen Schrank? Nein, nur eine seiner Jacken.

Wenn nur die Sonne endlich aufgehen würde …

Ganz das Gegenteil passiert: Mit einem extra lauten Krachen erlischt das Licht. Nicht nur im Zimmer des Jungen, überall in der Stadt gehen die Lampen und Bildschirme aus. Der ganze Ort verschwindet scheinbar, überrollt von einer Welle aus Dunkelheit, wie als wäre er aus der Zeit gefallen.

Der Junge gibt ein ängstliches Quieken von sich und verschwindet unter seiner Decke.

Bis die Blitze endlich abziehen und der Donner nur noch ein fernes Grummeln ist, hat der Junge leise bis siebentausendeinhundertdrei gezählt. Natürlich nur, um seinen Teddy zu beruhigen.

Jetzt lugt er vorsichtig unter seiner Decke hervor. Das Zimmer ist dunkel. Dunkler noch als sonst, wenn er mitten in der Nacht aufwacht, nachdem seine Eltern schon das Licht ausgemacht haben. Selbst das Monster in seinem Schrank ist wahrscheinlich vor Angst in Ohnmacht gefallen.

Von dem Gedanken ermutigt nimmt der Junge seinen Teddy und wagt sich aus dem Bett. Vage erinnert er sich, dass Mama und Papa doch meistens ein paar Kerzen auf den Nachttischen in ihrem Zimmer stehen haben. Sonst interessiert er sich nicht dafür, doch jetzt scheinen sie wie ein Lichtpunkt in einem Meer von Dunkelheit.

»Okay, Teddy«, flüstert er. »Keine Sorge. Wir schaffen das.«

Taps, taps läuft er durch den Flur.

Doch sobald er die Tür zu Mamas und Papas Schlafzimmer öffnet, bemerkt er, dass es eigentlich gar nicht mehr so dunkel ist.

Ein Sichelmond steht hoch am Himmel, umgeben von Sternen. Der Junge bleibt stehen, Mund weit geöffnet. So viele Sterne hat er noch nie gesehen. Neugier gewinnt die Überhand gegen seine Angst – er hatte ja gar keine Angst – und er zieht sich Schuhe an und schnappt einen Schlüssel, den Teddy immer noch fest im Arm.

Gemeinsam treten sie aus dem Haus. Die Luft ist warm und riecht nach etwas, wofür der Junge keine Worte findet: eine Mischung aus Regen und Dunkelheit und Stein und nasser Erde.

Gleich vor der Haustür bleibt er stehen, weil sein Blick sofort wieder gen Himmel wandert. Die Nacht ist dunkelblau, weniger gelblich als sonst. Und überall sind Sterne. Er sieht sogar ein Band, wo die leuchtenden Punkte dicht an dicht sitzen, das die Milchstraße sein muss. Da ist der große Wagen, den seine Mutter ihm einmal gezeigt hat. Und da ist der Nordstern, aus seinem Buch über Piraten und Seefahrer. Aber mehr der Bilder erkennt er nicht. Es gibt so viele Sterne, dass die Muster aus seinen Büchern untergehen.

Stattdessen beginnt seine Fantasie, sich eigene Gestalten auszudenken: »Guck mal, Teddy«, sagt der Junge und zeigt auf einen Haufen Sterne. »Das ist der Flauschige Bär.« Sein Finger wandert. »Und da ist das Einhorn.« Mit jedem Namen wird er mutiger, entschlossener. »Das ist der Brokkoli. Früher wussten alle, dass man immer zu seinem Ziel kommt, wenn man nur mit dem Rücken zum Brokkoli reist.«

Er lächelt. »Und hier ist das Himmels-M. Für Milan.« Schnell wirft er einen Blick auf den Teddy hinab. »Guck mich nicht so an. Ich finde bestimmt auch noch ein T für Teddy.«

Der etwas abgewetzte Bär mit der rosa Schleife antwortet nicht, aber Milan ist sowieso abgelenkt. Seine Augen ruhen auf dem Wald, der gleich an das kleine Grundstück angrenzt.

»Oh«, sagt er leise. »Ich glaube, da sind ein paar Sterne vom Himmel gefallen.«

Vorsichtig wagt er sich näher heran. Ohne den Garten zu verlassen natürlich, denn das darf er nicht allein.

Kleine, leuchtende Punkte tanzen unter den Bäumen und vor den nassen Blättern. Sie scheinen wirklich wie Sterne, oder als wäre der Boden mit gelben Blümchen übersät. Aber jetzt versteht Milan, was er sieht: Glühwürmchen.

Die kleinen Insekten geben keinen Laut von sich, als sie durch die windstille Nacht tanzen. Elegant formen sie Spiralen in der Luft und stieben sofort wieder auseinander.

Wie gebannt schaut Milan ihnen zu, Teddy an der Hand. Noch nie hat er ein Glühwürmchen in echt gesehen, jetzt zieht ein ganzer Schwarm an ihm vorüber. Eines trennt sich sogar von den anderen und landet für einen Moment auf seiner Hand. Zweimal blinkt es auf, dann fliegt es wieder davon.

Ein Surren. Überall in der Stadt gehen die Lichter wieder an, als der Strom zurückkehrt. Auch in dem Haus hinter Milan.

Schon kann er den Schwarm nicht mehr so gut erkennen und als er den Blick hebt, sind viele der Sterne verschwunden: Von dem Brokkoli ist nur noch ein Punkt übrig, das Einhorn hat alle Beine und sein Horn verloren.

»Oh«, murmelt Milan nur und kehrt dann mit einem letzten Blick auf den leeren Wald ins Haus zurück.

Drinnen ist es so hell, dass er erst einmal die Augen zukneifen muss. Das Deckenlicht wirft scharfe Schatten. Milan schaut Teddy an. Dann knipst er bestimmt das Licht aus. Soll das Monster im Schrank doch versuchen, ihn zu essen. Immerhin hat er schon zwei Filme mit Jackie Chan geguckt, das heißt er kann quasi Kung Fu.

Sobald das Licht aus ist, kann Milan die Augen wieder ganz öffnen. Er gähnt.

»Weißt du, Teddy«, sagt er, »vielleicht versuche ich heute, ohne Lampe einzuschlafen.«

Als er in seinem Bett liegt, wandert Milans Blick zum Fenster. Von hier kann er den Wald nicht sehen, nur das erleuchtete Haus der Nachbarn und ein kleines Stück Himmel mit einem einzigen Stern. Still nimmt er sich vor, morgen erneut nach den Glühwürmchen zu suchen.

Seine Augen fallen langsam zu. Die Dunkelheit umhüllt ihn wie eine warme Decke. Heute träumt Milan von Sternen, die durch den Wald tanzen und sich in den Wassertropfen spiegeln.

Der Unterschied ist kaum merklich, aber diese Nacht, ohne die Lampe in Milans Zimmer, ist der Himmel über der kleinen Stadt ein winziges Bisschen dunkler. Um das Klicken eines Lichtschalters näher an dem Bild, das ihn so verzaubert hat.

Jelena Moesus, Juni 2025


Kurzvita

Jelena Moesus, geboren in 2001, zog nach dem Abitur nach Berlin. Sie begann schon in der Grundschule mit dem Schreiben von Geschichten und führte dieses Hobby neben der Schule weiter – meistens bei Dunkelheit. Für sie liefert die Nacht eine ganz eigene Art von Motivation und bietet einen Raum ohne äußerliche Zwänge oder Pflichten, in dem sich die Kreativität frei entfalten kann.

Weitere Kurzgeschichten von ihr lassen sich in verschiedenen Anthologien und der im Rahmen des Young Storyteller Award 2022 veröffentlichten Novelle Ein Faden aus Licht finden.


Jelena Moesus hat mir ihrer Kurzgeschichte „Tanzende Sterne“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2024/2025 einen Sonderpreis gewonnen.

Es war nicht so, dass Marie nie über die Nacht nachgedacht hätte, sie hatte nur nie die Muße gefunden, ihr eine andere Bedeutung zuzuschreiben als die, die sich ihr Tag für Tag – oder vielmehr Nacht für Nacht – aufdrängte, wenn sie, noch vor Morgengrauen, hinaus in die winterliche Kälte trat, um sich in die anonymen Gänge eines Pendlerzugs zu begeben, oder abends, nach einem weiteren Tag voll flüchtiger Begegnungen, zurückkam in ihre Wohnung, deren Vorhänge sie hastig zuzog, als wäre der Schatten draußen ein Feind, der bloß darauf wartete, eindringen zu dürfen.

Die Nacht war für sie keine Versprechung von Weite, kein Mantel des Trostes oder der Geborgenheit, sondern ein Reich der Unsicherheit, der Angreifbarkeit, bevölkert von Gestalten, die das Tageslicht meiden, umso bedrohlicher in ihrer Unsichtbarkeit erschienen; sie kannte nur das Schwarz zwischen den Laternen, die zu schwach leuchteten, um Sicherheit zu schenken, aber hell genug waren, um die Augen zu blenden, wenn man den Weg nach Hause suchte – hastig, mit angespannten Schultern, die Tasche vor dem Körper, der Schlüssel in der Faust.

Und so war es fast ironisch, dass gerade der Urlaub – jener flüchtige Moment außerhalb der Struktur, an einem Ort, der mit Wind und Weite mehr zu tun hatte als mit Straßen und Schildern – dazu führte, dass sich in ihr eine Tür öffnete, die sie längst versiegelt geglaubt hatte: eine Tür zum Staunen, zum Innehalten, zum Loslassen.

Sie war bei Jenny, ihrer Freundin aus alten Tagen, die den Mut aufgebracht hatte, sich an einem abgelegenen Küstenstreifen unterhalb von Dänemark ein anderes Leben aufzubauen: einen Gnadenhof für Tiere, die anderswo als verlorene Fälle galten, und Marie half ihr in ihrem Urlaub so gut sie konnte, fegte Ställe aus, schleppte Heuballen, streichelte lahmende Esel und sprach mit Katzen, die niemandem mehr vertrauten – und am Abend, als sie beide erschöpft, jedoch von der erledigten Aufgabe beseelt auf der kleinen Holzbank vor dem Haus saßen, tranken sie dampfenden Tee und redeten über das, was sie hinter sich gelassen hatten, und das, was sie nie zu fassen bekamen.

An einem solchen Abend – der Wind war zurückgegangen, das letzte Meckern einer Ziege verklang in der Stille – verabschiedete sich Marie, müde, mit schmerzenden Händen und einem Herzen, das sich seltsam gelöst anfühlte, und wollte zurück zur Ferienwohnung, einem kleinen, schiefergedeckten Häuschen, ein paar hundert Meter entfernt.

Sie öffnete die Tür des Haupthauses des Gnadenhofs, trat hinaus, zog den Reißverschluss ihrer Jacke bis zum Kinn, fröstelte leicht, und während ihre Gedanken noch an etwas hafteten, das Jenny ihr kurz zuvor erzählt hatte – irgendetwas über einen Schafbock, der sich nicht von seiner kranken Gefährtin trennen ließ –, hob sich ihr Blick ganz von selbst, beinahe so, als habe ihn ein unsichtbarer Faden in den Nacken gezogen, langsam, tastend, ohne Absicht – und dann hielt sie inne.

Was sie sah, war keine Leere, kein Schwarz, kein schlaffes Firmament, sondern etwas, das jenseits ihrer Vorstellungskraft lag: ein Bogen aus tiefer, durchdringender Dunkelheit, in die sich das Licht der Sterne wie in Samt gegraben hatte – unzählige Punkte, scharf gezeichnet, still und zugleich vibrierend, als wollten sie ihr etwas mitteilen, ein Wissen, das in keiner Sprache ausgedrückt werden konnte.

Marie blinzelte, blinzelte erneut, trat einen Schritt zurück, als müsste sie Abstand gewinnen, um zu begreifen, was sie sah, und für einen flüchtigen Moment glaubte sie, den Halt zu verlieren, nicht körperlich, sondern innerlich – als sei ihr Weltbild, das so lange in den Grenzen von Straßenlaternen, Neonlichtern und zugigen U-Bahn-Eingängen gefangen gewesen war, plötzlich zu klein geworden für diese Wahrheit, die sich über die Scheunen und Weiden ausbreitete wie ein offenes Geheimnis.

„Ach, du meine Güte!“, flüsterte sie, ohne zu wissen, an wen sich diese Worte richteten, vielleicht an sich selbst, vielleicht an etwas, das über ihr war, vielleicht auch nur an das Erstaunen selbst, das sich wie ein unerwarteter Gast in ihrer Brust ausbreitete und dort zu glühen begann, warm, fremd, belebend.

Sie stand reglos, wie in ein unsichtbares Band geschlungen, schaute nach oben, dann wieder, dann noch einmal, versuchte, einzelne Sternbilder zu erkennen, doch das Denken wich zurück, wich der bloßen Empfindung, dem Staunen, der fast kindlichen Ehrfurcht, die sie nie gesucht, aber jetzt gefunden hatte – oder vielmehr: die sie gefunden hatte.

Sie merkte nicht, wie Jenny die Tür öffnete, auf die kleine Treppe trat, mit zwei Decken in der Hand – eine für sie, eine für Marie –, sie merkte nicht, wie Schritte knirschend über den Kies kamen, nicht, wie Jenny neben sie trat und sie musterte, halb belustigt, halb berührt, bevor sie sagte: „So hast du ihn noch nie gesehen, oder?“

Marie schüttelte nur langsam den Kopf, noch immer ohne Worte, als hätte man ihr für diesen Moment die Sprache genommen, nicht aus Schock, sondern weil es nichts zu sagen gab, nichts, das das fassen konnte, was sich gerade in ihr abspielte – ein Erstaunen, so zart und gleichzeitig so raumfüllend, dass es sie selbst zum Leuchten brachte, wenn auch nur innerlich, als wäre in ihr etwas entzündet worden, das lange geschlummert hatte.

Jenny lächelte, reichte ihr die Decke, die Marie fast nicht bemerkte, so sehr war ihr Blick noch immer nach oben gerichtet, dann legte sie ihre eigene Decke auf das Wagendach und sagte: „Komm, leg dich kurz. Das ist besser als jeder Fernseher.“

Sie zogen sich auf die Motorhaube zurück, die noch die milde Wärme des Tages in sich trug, und streckten sich unter den mitgebrachten Decken aus, Schulter an Schulter, schweigend, während über ihnen das Firmament pochte wie ein lebender Teppich, ein atmendes Lichtgewebe, das keinen Anfang und kein Ende zu kennen schien.

„Ich wusste nicht …“, begann Marie, hielt inne, suchte nach einem Wort, das weder zu klein noch zu pathetisch war, fand keines und sagte schließlich: „… dass das wirklich so aussieht. Ich dachte immer, die Fotos wären irgendwie… bearbeitet.“

Jenny lachte leise, sanft, nicht spöttisch: „Das denken viele. Aber das ist nur der Teil der Nacht, den wir vergessen haben – weil wir sie eingesperrt haben zwischen Reklame und Laternenlicht.“

„Und du hast keine Angst?“, fragte Marie schließlich, „nachts, wenn es so … so ganz still und dunkel ist?“

„Am Anfang schon“, sagte Jenny. „Weil ich die Stille nicht kannte. Weil ich dachte, sie wäre leer. Aber sie ist nicht leer. Sie ist voll. Sie ist ein voller Raum, voller tiefer Geduld – und wenn man möchte, auch voller Antworten, die sich nicht aufdrängen, sondern einfach existieren.“

Marie schwieg, spürte Jennys Worte in sich nachhallen, wie Tropfen, die in einen tiefen Brunnen fallen, einer nach dem anderen, bis man merkt, dass das Wasser längst sich angesammelt hat, nur eben sehr, sehr weit unten, tief in einem drin.

Und während sie dort lagen, auf der leicht gewölbten Motorhaube des alten Kombis, das Blech unter ihnen warm wie ein Resttag, auf dem noch etwas ruhte, das nicht verschwinden wollte, legte sich eine Stille über alles – nicht plötzlich, nicht mit einem Schnitt, sondern wie eine zweite Decke, eine, die in Zeitlupe fällt, sich langsam ausbreitet, Falten schlägt, sich über jedes Geräusch legt und es nicht erstickt, sondern verwandelt.

Es war keine Stille, die leer war, nicht das Fehlen von Klang, sondern das Dasein von etwas, das sich dem Gehör entzog, aber dennoch anwesend war – eine Gegenwart ohne Form, ein Raum ohne Begrenzung, so fein gewebt, dass jeder Atemzug darin zu schweben schien, schwerelos und zugleich bedeutungsvoll, als sei jede Sekunde ein Gefäß, das nur darauf wartete, mit etwas gefüllt zu werden, das keine Worte kannte.

Dann, fast gleichzeitig, als hätte die Welt beschlossen, sich ihr nach dem Eindringen der Stille langsam wieder zu offenbaren, bewegte sich etwas im Gras zu ihren Füßen, ein leises Rascheln, kaum mehr als eine Geste – das vorsichtige, kaum merkliche Streifen des Dünengrases im Wind, das nicht einmal ein Klingen war, sondern eher ein Erinnern an Klang, wie der Nachhall einer Melodie, die man nur im Innern hört, wenn man lange genug geschwiegen hat.

Und noch weiter, vielleicht am Rand der Koppel oder bei dem alten Schuppen, knackte plötzlich ein Holz, trocken und mürbe, so, wie es nur altes, der Witterung überlassenes Holz tut, das seine Geschichten nicht mehr laut erzählt, sondern in kleinen, abgehackten Lauten, die sich mehr an die Nacht wenden als an das Ohr des Menschen.

Aus dieser Stille, aus diesem Raum zwischen Himmel und Boden, zwischen Rascheln und Knacken, zwischen ihrer Freundin neben sich und der Welt, die nicht mehr dieselbe war wie noch vor einer Stunde, stieg in Marie ein Gedanke auf – nicht schnell, nicht wie eine Erkenntnis, sondern eher wie eine Nebelschwade, die sich ihren Weg sucht, langsam, durch das hohe Gras ihrer Gedanken: dass sie in all den Jahren nicht nur die Nacht gemieden hatte, sondern auch etwas in sich selbst, das nach Weite verlangte, nach einem Raum und der menschlichen Erlaubnis, sich still zu wundern.

Marie wusste – wie man etwas weiß, wenn man es nicht mehr beweisen muss –, dass sie diesem Abschnitt des Tages, diesem stillen, großen, oft missverstandenen Reich von Lichtpunkten und Lautlosigkeit, in Zukunft mehr Raum einräumen würde – nicht aus irgendeiner Pflicht, nicht aus einer extern aufgezwungenen Einsicht, sondern weil sie begonnen hatte, diesen Abschnitt des Tages besser zu verstehen.

Christian Knieps, Juni 2025


Kurzvita

Christian Knieps, geb. 1980, lebt und arbeitet in Bonn, schreibt Romane, Theaterstücke,
Novellen und Kurzgeschichten. Zuletzt: Chaos:Vater. Mehr Infos zu den Veröffentlichungen auf
christianknieps.net.


Christian Knieps hat mir seiner Kurzgeschichte „Das Wunder der Nacht“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2024/2025 mit einen Sonderpreis gewonnen.