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Santiago de Chile – Sky Costanera – Juli 2018 – Foto: Lutz Dörpmund

Es war weit nach Vierundzwanzig Uhr. Der Lärm von bremsenden Autos und Bussen auf nassem Asphalt, anfahrenden LKWs, von lärmenden Menschen, die aus den Clubs, Theatern und Kinos kamen, ihr Lachen, ihre Schritte, ihr Rufen, krabbelte wie Trolle genauso unbarmherzig wie das künstliche Licht der nicht abgeschirmten Laternenflut der Stadt die Fassade hoch hinauf in die Räume eines Visual-Loft.

Die Lichtinstallationen an den Glaswänden der umliegenden Hochhäuser imitierten abwechselnd Wasserfälle unter einem Regenbogen und Schriftzüge weltumspannender Markendesigner von Skybeamern gezeichnet. Auch Sky Costanera leuchtete dem stellaren Lichtkunstparcour hoch über der Stadt entgegen, bereit es mit ihm aufzunehmen, gewann den ungleichen Zweikampf mit dem Himmel und weichte die astralen Strukturen zu einer pastösen Masse auf. Das Orange der Natriumdampflampen auf den Straßen der Vergangenheit musste schon vor einigen Monaten sein Haupt vor der neuen Leuchtdiodenlichtzeit neigen, löste sich auf und verschwand genau wie der Himmel – spurlos. Die Moderne unterstand jetzt dem Regime der Energieeffizienz, der großen Hure Rebound. Ganz Santiago, wie alle Großstädte der Welt, stand im Skyglowverbund der planetaren illuminierten Netzwerke und sog alles um sich herum unbarmherzig in den Lichtsmog ein.

Die Lichtfluter in Seths Visual-Loft ließen die Wände in Blau- und Rottönen erzittern. Die Fotografien von glänzenden Orten und glänzenden Menschen wurden von violetten Leuchtstreifen umrahmt. Auf dem Flur, im Bad und im Schlafzimmer waren es Grün-, Orange- und Gelbtöne, durch dezent versteckte Bodenstrahler präzis an die Decke projiziert, die sich selbstbewusst der Kakophonie des eindringenden Lichtspektakels der Stadt entgegenstellten, um zu dominieren.

Hier residierte Seth, der Farbwechsler, das Chamäleon der Moderne.

Auf dem tageslichthellen Schreibtisch mit der beleuchteten Glasplatte arbeitete sein Laptop in Royal Blue blinkend und zur Eile mahnend, sein Termingeber, sein Taktgeber, nie im Jetzt, schon gar nicht im Gestern, nur auf das Morgen ausgerichtet. Seth hetzte auf das Morgen zu, bemüht Schritt zu halten. Die erste Runde war geschafft. Jeder einzelne seiner Finger trottete von der beleuchteten Tastatur. Auf dem Display prankte der Beginn eines neuen Textes. Seth schloß kurz die Augen, nur um mit ihnen nach innen fokussiert durchdringender die ersten Zeilen Wort für Wort wie einen Braten mit einem Elektromesser zu tranchieren.

‚Dann wieder Morgen. Und Morgen. Wie sich die Tage erstreckten. Jeder derselbe wie der vorherige, und sie würden dies nervtötend bis zum Ende all meiner Tage tun. Und jeder Tag, an dem ich so lebte, war auch der letzte Tag im Leben eines anderen Narren, der auf der Tagseite bis tief in die helle Nacht, die ihre Seele verloren hatte, durch Blendung erblindet seine Runden zog, unaufhaltsam, ohne Unterbrechung, vorwärts, auf das Licht am Ende des Tunnels hinhetzte, ohne den Frieden in der dunklen Stille der Höhle zu kennen. Jeder Tag zeigte ihm, wie auch mir, das Blitzgewitter der Social Media und auf den in Kaltweiß gefluteten Podien der Welt den Weg zu unserem Sterbebett. Aus, aus, flackernde Flamme! Segne mich mit Frieden. Das Leben ist nur noch ein wandelnder Schatten, Abfall des gleisenden Lichts Zivilisation und Fortschritt genannt, geblendet wie ein armer Schauspieler, der in einer Stunde auf der Bühne alle Emotionen durchläuft und sich dann des Augenlichts beraubt verbeugt. Dies ist die Geschichte, die von einem Idioten erzählt wird, voller Lux, Lumen, Lärm und Leidenschaft, aber letztendlich vollkommen bedeutungslos ist.‘

Das war der schwierigste Teil, der Anfang. Dann kamen die biografischen Züge. Fiktiver Realismus. Es floss aus seinen Fingern, die ihm nicht mehr gehörten. Sie waren abgekoppelt von seinen Händen mit einer elektrischen Verbindung zu den, einem Leuchtfeuer gleichenden Synapsen in seinem Kopf, über die er keine Kontrolle hatte, wenn er schrieb. Der Laser, mit dem er seinen Text wieder und wieder zerstückeln würde, bis es passend war, lag bereit. Töte das, was du liebst mit dem Laserschwert.

Es würde wieder ein Riesenerfolg werden, wie bereits seine anderen Romane. Ein neuer Klassiker. Auf jedem Laptop, in jeder Cloud, und, Ja, doch, auch noch auf jedem Regalbrett der Welt zu finden. Ein Bestseller, der sechste, und das mit gerade fünfundzwanzig, und das in gerade mal vier Jahren. Vorlage für unendlich viele Theaterproduktionen, und so weiter und so fort. Nobelpreisverdächtig, Trends setten, wow, ein Neologismus.

Seth, die Lichtgestalt auf allen Buchmessen und Talk-shows.

Seth war der Mann mit einem knallharten Vertrag im Nacken und einem knallhärterem Griff seines Verlegers im Schritt, der nicht wehtat, solange das Talent sprudelte und das textproduzierende Handwerk gefeilt wurde und somit den Zugriff im Schritt erträglich hielt. Von hinten. Sein Verleger trug immer ein leuchtend weißes Hemd.

Seth, der beste Freund all der schillernden leuchtstarken CEOs, Medienvertreter, und deren Frauen, und deren Geliebte, der brillierenden Frauen sowieso.

Seth, der Mann im luminösen Fokus, der das neue Leuchtdiodenlicht der digitalen Ära in Kaltweiß mit hohem Blauanteil auf sich schütten ließ. Hohe Lichttemperaturen gemessen in Kelvin. Hoher Farbwiedergabeindex ausgedrückt in Ra. Immer sichtbar.

Licht machte göttlich. Gottes Strahlenkranz. Gottes Macht auf Erden.

Licht bedeutete Leben.

Licht verhieß Sicherheit und Schutz.

Licht machte bedeutend.

Licht bedeutete Dynamik und Weisheit.

Oh Ja, oh Licht, lichtvolle Momente.

Licht, das Symbol der Reinheit und der Tugend.

Licht katapultierte die Unwissenden in die Erkenntnis.

Licht hieß Fortschritt, Macht und Geld.

Ungeschriebene Gesetze, schon seit biblischen Zeiten in das Gedächtnis jeder Zivilisation gelasert und seit kurzem im biblischen Ausmaß mit Wachstumspotenzial viral umgesetzt. Jede Zivilisation, die etwas auf sich hielt, erstrahlte im Glanz der elektrifizierten zweiten Tageszeit, weltumspannend, und stahl dem trauernden Mond seine Show, denn die Nacht war gestorben. Dieser Tod ertrahlte jetzt in Kaltweiß und das bis zum Saturn.

‚… die Geschichte … von einem Idioten erzählt … Lux, Lumen, Lärm und Leidenschaft … bedeutungslos.‘

Seth stockte. … die Geschichte … War es eine Geschichte? Was für eine Geschichte? Wenn sie im Dunkeln lag, in der Vergangenheit, konnte er sie dann sehen? Musste er die Geschichte seines Protagonisten aus der Vergangenheit in das Jetzt schieben, um sie zu sehen? Reichte fühlen nicht mehr? Hören nicht mehr? An das Licht bringen, das heißt in die Zukunft projizieren, denn dort ging es hin? Das Licht? Konnte er sie dann sehen? Konnte er dann überhaupt noch sehen? Ohne Kontraste? Sehen? Den Zeitpfeil anhalten, doch dann verlor sie ihre Tiefe, war keine Zeit mehr. Das Jetzt war flach, laut und hell. Zu hell? Es war eine Geschichte mit den Wurzeln im Vergangenem. War das schon Blasphemie? Das war der Ort, an dem alles verschwamm, kaum erkennbar war. Dunkel? Still. Im Nichtwissen seinen Frieden finden? Unsicherheit. Verlorenes Urvertrauen. Unkenntnis. Eine Historie? Nein. Im Präsens, er musste im Präsens schreiben. Niemals still stehen. Das zeigte in die Zukunft. Im Präsens schreiben. … von einem Idioten erzählen … Nein, kein Idiot, oder doch? … Lux, Lumen, Lärm und Leidenschaftbedeutungslos. Er scheute sich, die vier Ls um seinen Protagonisten zu wickeln. Es konnte eine Schlinge werden. L, L, L, L. Dann würde er bedeutungslos. Er? Er selbst?

Seths Augen brannten und begannen zu tränen. Das soft tissue war feucht und konnte das Zwiebelstechen nicht zurückhalten. Beide Augen waren warm. Er kühlte sie mit dem in seinen Händen gedrehten Wodkaglas. Beruhigung. Die Wärme übertrug sich auf den Wodka. Er schmeckte fad. Der Flug aus Singapur war anstrengend gewesen. Eine Woche Promotion, wenig Schlaf. Sein melatoninkonfuser Körper war aus dem Takt geraten, sein physiologischer Cocktail war gegenüber der lichtspeienden vor mehr als hundert Jahren neu erschaffenen zweiten Realität machtlos. Er hatte kaum geschlafen im Flieger. Die ‚Melancholie des Lumen‘ musste angekündigt und vermarktet werden, weltweit und das erforderte Anwesenheit vor Ort und in den Medien, auch vor Ort, im Rampenlicht, das ein Tageslichtspektrum ausspieh, eine Mittagssonne in der Nacht, hoher Blauanteil, erbarmungslos.

Um den Titel gab es Streit. Zu dunkel, zu unzivilisatorisch. Doch der Ort des Auftakts der Promotiontour passte zum Konzept des Lumen. Singapurs vertikaler tropischer Garten in den Superbäumen war der perfekte Austragungsort gewesen, plaziert in der zweiten Tageszeit, die ihre Seele verloren hatte. Sie verlieh dem Wort Lumen die Dimension, die dem 21. Jahrhundert entsprach, global, wie sein Projekt. Schnelles Leben, hohe Lichtintensitäten. Es war hell. Lärm war auch hell. Beides brannte. Er bekam Durst.

Seth ging in die Küche, die so neu und progressiv war, dass er gar nicht wusste, wie er sich einen Tee zubereiten konnte. Die Symbole der Funktionsleisten waren kryptisch, der Kochsensor versprach unterhaltsame Abende auf NetFlix, reagierte aber nicht auf die Anweisungen seines Zeigefingers. Auf den drei OLED-TV-Bildschirmen seines Visual-Loft sah er die Live-Übertragung eines Großkonzertes glamouröser Stars. Er war ausgelaugt und starrte gebannt auf die Leuchtfeuer des Erfolgs, Lichterketten gleich.

In einem Eckschrank fand er schließlich einen analogen Wasserkocher, Teebeutel, nahm eine Tasse mit dem fluoreszierenden Namenszug seines letzten Bestsellers, goß heißes Wasser auf den Teebeutel, Wasserdampf stieg auf, der Zucker knackte wie früher, der Namenszug leuchtete auf, prallte auf seine Retina, dann wurde es schlagartig dunkel.

Seth ließ die Tasse schlagartig fallen.

Das heiße Wasser spritzte vom Boden hoch, spritzte auf seine nackten Füße. Dieser Schmerz war der Schreck Nummer zwei.

Seth ging zwei Schritte rückwärts. Er riss die Augen auf.

Aber er sah nichts.

Absolut nichts.

Etwas drehte sich ins Gegenteil.

Ich sehe absolut nichts.

Hinter mir, ein Schrank. Ein Gegenstand, in den ich andere Gegenstände wie Tassen, Teller, Töpfe stellen kann. Ich erinnere mich. Ich kann die Gegenstände sortiert hineinstellen. Auch übereinander. Wenn ich die Tür öffne, da, der Handgriff, polierter Edelstahl?, ich rieche Orangenputzmittel. Ich bin froh, dass er da ist. Ich erkenne ihn, kann mich an ihn anlehnen. Seine Oberfläche ist kalt und glatt. Meine Hände, sie zittern, da, nach links. Dort ist eine Leere. Oh, mein Gott. Eine Leere. Ich kann mich nicht an die Leere erinnern. Seit wann gibt es dort eine Leere? Ist diese Leere schon immer dort gewesen? Nach rechts gibt es etwas. Es geht mir bis zur Taille. Eine flache, glatte Ebene. Glas? Es ist auch kalt. Alles hier ist kalt. Es könnte ein scharfes Steakmesser dort liegen. Ich könnte mich schneiden und bluten, verbluten? Ich habe nichts gebraten. Wie gut, dass ich es nicht kann. Also gibt es keine Bratpfanne und kein Messer. Dieses Möbelstück ist auch ein Schrank, aber mit einer Glasplatte darauf. Ja, stimmt. Das Induktionskochfeld. Erleichterung, das ist neu, auf meiner kalten Haut aus Angst. Irgendwo muss eine Wand und eine Tür sein und ein Lichtschalter. Nein, es gibt keinen Lichtschalter. Luna sprach von Bewegungsmeldern, daran erinnere ich mich, und einem zentralen Port der Visual-Effekt-Schnittstelle irgendwo im Eingangsbereich. Ich kann mich nicht erinnern. Wo ist das? Aber ich habe es doch gesehen. Luna zeigte es mir. Bei Tageslicht, jedenfalls schaltetet sie das Licht an. Coole LED-Spots. Ich erinnere mich nicht mehr. Überhaupt nicht. Nichts. Verdammt. So ohne Licht. So ohne Leben.

Hier, immer an der Wand entlang. Dafür sind meine Arme da, meine Hände.

Sie sind neugierig. Das ist mir neu. Gierig? Das geht doch gar nicht. Doch, sie sind es. Meine Finger, alle zehn, kleine Detektoren, die Haut hat Öffnungen. Warm, kalt, kantig, weich, rund. Welt. Haut unter meinen Füßen. Die Oberfläche des Bodens, so unbekannt. Stehenbleiben, Bein anheben, lass die Zehenspitzen über den Boden streicheln. Kann er aus Holz sein? Nein, es muss Laminat sein, oder? Kacheln kenne ich. Das würde ich sofort wissen. Die sind kalt, wie Licht. Meine Augen brennen immer noch. Diese Tränen in den Augen. Es sind nicht nur beißende Zwiebelstiche. Da ist etwas anderes in ihnen. Ich will das alles nicht. So soll das nicht sein. Dann dieses warme salzige Wasser. Es läuft und läuft. Ich will nicht blinzeln. Mehr Tränen. Mehr Blinzeln. Wieso schreien Blinde nicht den ganzen Tag? Endlich, der Türrahmen, fühlt sich immer noch wie ein Türrahmen an. Rechter Winkel, Ecken. Meine zehn Dektektoren erkennen den Türrahmen, aber etwas hat mich gestochen. Er ist aus Holz, Ja, aus Holz. Die Tür. Punkte schimmern durch die Tränen. Punkte. Tränen. Los, wische sie rigoros mit dem Hemdsärmel weg. Verdammt saugfähig das Versace Medusa Button Hemd. Die Punkte? Sie werden klarer. Sie müssen sehen. Sie werden Sehorgane genannt. Also sollen sie sehen, so wie sie es den ganzen langen Tag getan haben. Zwanzig Stunden und all die anderen Tage und Stunden davor. Sie sollen sehen. Sehen.

Punkte, wieder. Mehr? Hier und da, dann auch hier und da einige mehr. Es gibt punktuelle Lichtquellen, schwach, einige flackern, andere gehen wieder aus. Glühwürmchen. Die armen. Ich würde keine Glühwürmchendame sehen. Da sind überall Punkte. Meine Handinnenflächen sollen meine Augen schützen. Die Haut meiner Hände berührt meine Augenlider wie warmer Käse. Die Haut ist warm. Sie hat ein Aroma unter dem Gestank von Alkohol. Wie war das noch mit Zimt? Zimt! Zimt! Er hat auch einen Geruch. Verdammt, ich wusste es, aber wie war das?

Ich atme zu flach. Ich traue mich nicht, tief zu atmen. Ich sollte meine Hände herunternehmen, die Schutzfunktion. Die Punkte variieren, verschieben ihr Kommen und Gehen, aber sie bleiben nicht an ihrem Ort. Unstete Lichter. Die meisten erlöschen. Dunkle Flächen, schwarze Konturen. Angst. Sie befindet sich vor allem im Po. Es kriecht von der Rosette zwischen die Beine durch, auf der rötlichen Haut entlang bis in die gekräuselten Haare um meine Hoden herum. Ich kneife ja die Knie zusammen. Ich schäme mich so. Mir ist kalt.

Hier muss mein Wohnraum sein. Er hat keine Dimensionen mehr. Wo sind sie hin? Er muss bodenlos sein, unendlich tief, mit dunklen Wesen aus meinen Kindertagen, die nur auf diesen Moment gewartet haben, um über mich mit spitzen Zähnen und kreischenden Stimmen nach Moder und Leichen stinkend herzufallen, mich zu zerfleischen. Meine erschöpften Augen kennen keine Kontrolle mehr, ist ihnen entzogen worden. Schatten. Etwas bewegt sich, muss sich bewegen und lauern, etwas Hinterwäldlerisches, das zurückgeblieben ist, den Anschluss verpasst hat, über das gelacht werden kann. So was von Damals. Das ist doch Dunkelheit. Unheimlich. Die vielen Kindermärchen. Dann kommen die Untoten und fressen dich und mich und Trolle kreischen und Darth Vader ruft: ‚Ich bin dein Vater.‘ Und all das ist gefährlich, kommt aus dem rauchigen Reich der Finsternis. Das ist der Ort von Vergewaltigungen, immer im dunklen Park. Dort irgendwo verbirgt sich Leid und Verzweiflung. So ist das doch in den Geschichten von Platon über Shelley bis Lucas und Styron.

Meine Füße, sie bewegen mich, sie nehmen mich mit bis zu dem bodentiefen Fenster. Ich weiß es. Meine Hände sind wie blinde Kätzchen. Das ist Glas, ich spüre es, die glatte Oberfläche, jetzt farblos, als ob sie leblos sei. Irgendwie kalt, bissig kühl. An den Wänden gab es doch das fließende Spiel der Farben, dieses algorhythmische Wellenmuster. Es ist verschwunden. Ich kann mir nicht vorstellen, wo es hingeflossen sein mag. Die fehlenden Fließbewegungen der Farben haben die Zeit angehalten. Sie steht. Die flackernde Flamme ist erloschen. Wo ist der wandelnde Schatten?

Es rumort in meinen Eingeweiden. Ein Krabbeln in meiner Speiseröhre. Bloß nicht übergeben. Ich rieche naß und süßlich, widerlich. Da ist ein neues Geräusch, mein Atem, viel zu laut für die Dunkelheit, unpassendes Geräusch für … dunkel, fast schwarz, für … Atem. Ich schließe besser wieder die Augen, tupfe sie mit dem Hemdsärmel ab. Los, mach sie auf und … sie sind nicht gestorben. Sie leben doch noch, ermattet aber lebend, die Augäpfel bewegen sich, fühlen sich rauh an, immer noch warm. Keine Punkte mehr, Flächen in grau und graugrau, mehr grau, weniger grau. Konturen, ich nehme Konturen wahr, aber kann ich mit ihnen hören? Es rauscht in meinen Ohren. Das Rauschen. Ist das Stille? Im Boden knackt es. Es ist das Holz, das sich zusammenzieht. Das ist der Holzfußboden, es knackt, und ich höre, wo.

Das ist ein Fenster, aus Glas gefertigt, glatt und durchsichtig. Kühle Glasoberfläche, schau über die Fingerspitzen hinweg. Trau dich. Zittern auf dem Bauch. Grautöne, dunkelgraue Flächen, schwarze Bereiche, in die etwas hineinfällt. Es ist mein Blick, der fällt. Er schwebt bedächtig wie ein Faultier über die Konturen und Flächen hinweg, ohne Schmerz. Ohne Schmerz.

Blinzel, los. Das ist … ein Fahrrad an einen Müllcontainer gelehnt. Das Vorderrad kippt zur Seite. Es ist verbeult. Roter Lack? Streetphotography in black and white. Silhoutten auf dem nassen Asphalt. Die Zeit steht still in schwarz und weiß, doch die Geschichte des Fahrrads ist deutlich. Es hat Charakter. Menschen, kann sie unterscheiden, Frauen, Männer, alt, sogar alt. Da sind spiegelnde Flächen, Fenster, hinter denen sich Menschen bewegen und einfach nur stehen, ihren Blick, wie meiner, durch das Glas nach draußen gewand, neugierig schauend, entdeckend, staunend. Gierig? Auf was?

20190315 Mond-Mosaik aus 10 Einzelbildern – Lutz Dörpmund

Der Mond. Sonst nichts. Die zweite Tageshälfte, Reinform, die Unbekannte. Sie sagt: ‚Es gibt mich noch.‘ Die Wärme in meinen Augen lässt nach. Entspannung auf meinem Bauch. Meine Hand verlässt das Fenster, legt sich auf meinen Bauch, den weichen, meine Augen trauen sich. Sie öffnen sich weiter.

Im Haus gegenüber ist eine junge Frau, blondes Haar wahrscheinlich, mit einem Kind auf dem Arm, das wohl geweint hat. Sie küsst es immer wieder auf die Wangen und wischt etwas von ihnen weg. Meine Hand wischt die kribbelnden Reste von meinen Wangen weg. Weinen, wie schön. Sie zeigt immer wieder mit ausgestreckter Hand nach oben hinauf. Sie will es beruhigen. Ich folge den Gesten der Mutter. Sie weiß, was sie tut. Sie will beruhigen. Ich sehe es. Ich staune. Ich atme tief ein. Ich erinnere mich: der Mond, heute nur eine kleine Sichel. Jetzt sehe ich es auch. Und dann ist da ein Band, unregelmäßig, dunkel verstreut, wie Wolken, wie Tiere, wie ein Vicuña. Es scheint zu knien und aus einer Quelle zu trinken. Wie verwirrend. Ich sehe eine Schlange. La Yakana, Machawei, meine Großmutter Rayen. Da sind ihre Geschichten wieder, die von den dunklen Wolken, die Geschichten erzählen. Es ist wie ein Gemälde. Rayen und Vincent. Sie kannten sie also beide, die anthrazitfarbene Ästhetikerin. Ihre Geschichten, seine Gemälde. Andere Welten, ein Himmel. Der Segen der Dunkelheit. Und es gibt Lichtpunkte. So viele. So viele. Vier der Punkte, sehen aus wie der Drache, den ich als Junge am Strand in Taltal aufsteigen ließ. Da ist er wieder. War vom Strand direkt in den Himmel geflogen. Ist das Frieden? Es ist doch alles dunkel. Schön. Und neu. Und es gehört zusammen, polarisiert nicht. Wisch dir die Feuchtigkeit von den Wangen, Seth. Carpe Noctem. Jetzt anders. Jetzt richtig. Der richtige Pfad, er öffnet sich vor meinen Augen.

Dreh dich, zu deinem, zu meinem Raum. Das sind die Konturen von Möbeln, der OLED-TVs, die schlafen. Ich bewege mich mal auf die Couch zu. Da ist eine Welle vor mir, die mir tastend wie mit einem Blindenhund, den Weg weist. Er wackelt mit dem Schwanz, ich mag sein seidenweiches Fell und die nasse Nase. Ja, eine Decke und Kissen. Ich habe sie nie bemerkt. Der Holzfußboden muss auch neu sein. Das Fenster ist wirklich groß. Hier ist jetzt mein Platz, im Schneidersitz direkt an der Glasfläche, die Decke umhüllt meinen Körper. Ich bin die Füllung einer Empanada, die Decke der Teigmantel, die Kissen sind Pastel de Choclo. Wow.

Keiner spricht von der Dunkelheit am Ende des Tunnels, niemand wagt es, dort hineinzutreten. Keiner schreibt Epen über glorreiche Ritter des dunklen Grals, niemand träumt von Heldentaten zum Schutz der umhüllenden Nacht, der Ruhe und dem Frieden für die Augen und der Seele, dem heilenden Schlaf in der natürlichen Dunkelheit. Der Tag gehört den Blinden, den Sehenden die Nacht. Mit den Ohren sehen, den Händen, der Haut, die Augen unterstützen, nicht die volle Bürde auferlegen. Falsch vestandene Autonomie. Stattdessen immer nur Carpe Noctem. Carpe Lucem. Erblindet mit geschlossenen Augen, die überflutet sind. Ich? Ich.

Die Frau mit dem Kind auf dem Arm, Ja, sie muss blond sein. Sie trägt eine Bluse mit Blümchen? Ja, es sind Blümchen. Wie in der Atacama nach einem Regenguss. Ah, wie die Wüste duften kann, wie Mango, Nein, ich bin verrückt. Nach Mango geht nicht, aber wie Honig, Ja, Honig und Zimt und Kardamom. Dieses wahnsinnige Rosa und erst das Rot der Kaktusblüten, diese weichen Blütenblätter wie Samt. Genau wie ihre Haut, Rayens Haut, wenn sie morgens aufgestanden war. Die Zartheit der Nacht auf ihrer Haut. Dann gab es Kakao und diese Schokokekse, mit dem Namen eines Mondes, Triton. 

Die Frau geht noch eine ganze Weile mit dem Kind vor dem Fenster auf und ab. Es lacht, zieht ihr in den Haaren, schläft den Kopf an ihre Schulter gelehnt ein. Oh, jemand kommt, nimmt das Fahrrad und schiebt es weg. Ein Polizeiwagen fährt die Straße entlang, jemand steigt aus und spricht eine Gruppe junger Leute an, die johlend auf dem Bürgersteig tanzen. Eine junge Frau sucht ihren Schuh. Sie hat ihn. So ein Mist, der Hacken ist abgebrochen. Sie zieht die Schultern hoch. Ein trotziges Gesicht. Der Gehweg ist uneben. Ein Mann mit dem Smartphone am Ohr stolpert und fällt hin. Ich habe es kommen sehen. Das Smartphone schlägt auf den Pflasterstein und springt unter ein Auto. Der Mann schimpft, steht auf, er kriecht unters Auto. Es sieht lustig aus.

Animita – Santiago de Chile – Juni 2018 – Foto: Karin Dörpmund

Ein älteres Paar geht zu der Animita direkt gegenüber und zündet eine Kerze in einem roten Gefäß an. Die Balance zwischen Hiersein und Nichtmehrsein. Ob es eine Frau oder ein Mann war, der dort starb? Wie viele Tränen küssten wie das auslaufende Wachs die Steine des Gehwegs? Vielleicht gibt es ein verblichenes Foto in der Animita, Plastikblumen, Namen und regenaufgeweichte Teddybären. Da waren mehrere ausgebrannte Kerzenhalter, genau, ich habe es vergessen. Leere Flaschen für die Verstorbenen mit … mit was bloß? … stehen da ziellos herum, geleert und unbeachtet. Wie ist der Name?  

Die Dunkelwolke ‘Vicuña’ – Juli 2018 – Foto: Karin Dörpmund

Auf dem alten Spielplatz mit dem Bauzaun drum herum, steht jemand in einer dicken Jacke. Ich kann nicht mehr erkennen. Ein Mann? oder eine Frau? Wahrscheinlich eine Frau. Doch, ich sehe weibliche Kurven. Erkenne ich sofort. Denke ich. Sie hat ein Stativ aufgebaut mit einer Kamera, die auf das Band mit den Dunkelwolken gerichtet ist. Sie mag wohl Tierfotografie. Es scheint ihr zu gelingen. Sie klatscht in die Hände, dreht wieder an der Kamera, drückt etwas und schaut zusammen mit dem Objektiv, wie zwei Verschwörerinnen, in die Richtung zu dem Himmelsschauspiel. Zwei Wanderer, die mit den Augen zu den Welten dort reisen, wo ganz andere Legenden und Märchen geschrieben werden. Sie kommen aus der Vergangenheit. Ich versuche die Namen der Heldinnen und Philosophen dort oben versteckt um die vielen Sterne herum zu erfinden, damit sie Gesichter und Münder erhalten und uns endlich sagen, wer wir sind und wohin uns unser Weg führt.

Fast kein Mond und so viele Geschichten. Mein Kopf hat einen Fettfleck auf dem Fenster hinterlassen. Das sind viele Meter unter mir bis zum Pflaster des Gehwegs. Es hat ein Rautenmuster. Da ist kein Abgrund in der Dunkelheit. Es liegt Papier herum, zerdrückte Cola-Dosen, ich erkenne Zigarettenkippen, spüre den Geschmack von kaltem Rauch auf meiner Zunge, die abgestandene Süße der Coke, Blubber auf der Zunge, Kitzeln in der Nase, Rayens Lachen. Heute Nacht ist kein einziger Zugvogel an der Glasfassade zerschellt. Keine zerborstenen Leiber mit gebrochenen Flügeln und verdrehtem Hals liegen unten herum. Keine unbeachteten in rot blutende Mahnmale des Lichtzeitalters in Royal Blue auf der Straße.   

Meine Füße sind kalt. Reiben, reiben, sie werden endlich warm. Am Horizont ist ein Schimmer, der sich über die Straße legt. Er erforscht. Jetzt übernimmt er. Jetzt erst ist deine Zeit, Licht. Wir werden zusammen unseren Morgenkaffee trinken. Zeit aufzustehen und aus meiner Empanada herauszutreten.

Autorin: KC Osvici (copyright) – Version: 2022-10-23 – ein Feedback ist erwüscht

Es war ein angenehm kühler Abend.

Es war ein normaler Tag. Er war ein normaler Mensch an einem normalen Tag.

Der Wecker hatte zuverlässig um 06:30 Uhr geklingelt. Das blaue Handtuch hing frisch immer freitags aus dem Wäschetrockner auf seiner Seite, links. Rechts war ihre Seite, das Handtuch altrosa. Der Vormittag verlief regelmäßig. Nach dem Frühstück in Begleitung des Hausfrauensenders, nur ein gekochtes Ei zu Brot, Butter und Marmelade, Erdbeere, manchmal auch Kirsche, selten, und Tageszeitung lesen, einkaufen, auf das Mittagessen warten, Mittag essen, auf den Kaffee warten, dabei das Auto waschen oder irgendwas mit Auto oder Garage, Kaffee trinken, auf das Abendbrot warten, dabei mit dem Nachbarn rechts Recht haben oder dem Nachbarn links dessen falsche Meinung klar machen, Abendbrot essen.

Nach einem langen Tag des Regelmäßigen stand er vom heimatlichen, einem karobetischdeckten Küchentisch auf und befand es befriedigend, dass dieser Teil des normalen Tages wieder mal ein Ende gefunden hatte. Wie jeden Tag.

Er schielte verstohlen auf das Magazin, das auf dem Stuhl neben ihm lag. Er sah das Bild auf der Titelseite an. Es elektrisierte ihn und er wünschte sich, das live zu erleben, direkt.

Sie mochte das nicht.

Sie sagte, dass sie es nicht gern am Küchentisch sähe.

Es störe sie.

Er wusste es.

Männersache. Sie habe keinerlei Beziehung dazu.

Er schon. 

Sie interessiere sich nun wirklich nicht für solche Dinge. Sie habe es noch nie getan und dass wisse er doch.

Er wusste es.

Außerdem mache es keinen Sinn und es würde niemandem helfen, bei all den hungernden Menschen auf dieser Welt. Und es kostete viel, zu viel Geld.

Es kostete.

Der Abend versprach angenehm erfrischend zu werden. Sie war ins Wohnzimmer gegangen, telefonierte mit einer Freundin. Er hörte es am Singsang ihrer Stimme und dem zu erwartenden Auflachen, dass er einmal an ihr erfrischend fand. Er erinnerte sich. Kurz. Der Abend war kühl und nur er war erfrischend. Nach dem Auflachen kamen normalerweise kurze Fragen mit kurzen Antworten.

Sie kamen.

Dann ein ‘Ach’, ein ‘Ja, Ja, wie immer’, ein ‘Was soll’s’.

Die Brise, die ins Zimmer kam, war erfrischend. Sie blätterte einige Seiten in der Zeitschrift um.

Er bemerkte sie.

Er griff zum Magazin, liebevoll und aufgeregt. Seine Hände waren verschwitzt, sein Daumen und zwei andere Finger hinterließen eine Art Fettfleck. Er wischte sie mit flinken Hinundherbewegungen an seiner Hose ab. Ein wenig zu groß, aus den Achtzigern. Am Bund eng, Ja, doch, schon. Er ging zur Küchentür, das Magazin unter eine Achsel geklemmt, einen Becher mit Karokaffee mit einem Löffel Zucker, nur wenig Milch, in der Hand, die zur Achsel gehörte. Also, ganz normal. Er sah sich um. Er meinte, sie bliebe zurück auf dem Küchentisch, vielleicht zwischen den Karos. Eingeklemmt? Eingedöst vor der Normalität.

Er sah sich im Türrahmen der Küche aus Eicherustikal um. Er sah sie nicht mehr.

Er ging auf den Flur. Er blieb am Türrahmen stehen und sah ins Wohnzimmer. Sie stand neben ihm. Sie sah vom Telefon auf und starrte beide an, hoffnungslos.

Er senkte die Augen. Sie drehte sich weg. Er lenkte die Schritte zur Haustür. Er ging nach draußen zu der alten Garage. Er nahm sie mit.

Die Nacht versprach wolkenfrei zu sein. Neumond. Hinter der Garage begann das Magazin ihn zu schnelleren Schritten zu bewegen. Er ging an den Mülleimern vorbei. Der Biomülleimer stand wieder nicht an seinem vorgesehenen Platz, bestimmt sechs Zentimeter. Er kam der Garage näher. Etwas erwachte. Er nannte es Passion. Sie mochte sie nicht. Konkurrenz. Er schaltete das rote Licht der Kopflampe an und sah auf das Titelblatt. Er musste seine Augen an die Dunkelheit gewöhnen. Dann schloß er mit leicht zitternden Fingern die Tür auf und betrat sein Refugium, allein. Normal.

Seine Zeit begann. Er schaltete die Stromversorgung an, betätigte mehrere Schalter in schlafwandlerischer Selbstverständlichkeit und bediente die Knöpfe der Fernbedienung. Es begann um ihn herum zu summen und ein wenig zu knarren. Vertraute Geräusche seit Anbeginn der Zeit. So fühlte er es. Die Kuppel öffnete sich lustvoll. Sie zog sich zurück, nicht erbost, abwartend.

Er dachte an die Titelseite. Das war normal. Die erfrischende Brise betrat den Innenraum. Sie wusch das muffige Aroma der letzten Regentage aus dem kreisrunden Hort seiner Passion, doch konnte sie sie nicht wegwehen. Still und stumm, alles normal. Er öffnete den Rechner, seinen schlafenden Freund im Hibernate. Er erwachte. Er auch. Stellarium erwachte auch. Die Welt leuchtete in Rot. Sein Teleskop, sein 4,5 Zoll Newton, weiß, erwartete ihn wie ein treuer Freund. Sein Weiß fand er auch damals schon erfrischend an ihm. Immer für ihn da. An seiner Seite. Wie im Schützengraben, Hingabe, Aufgabe, für ihn da sein.

‘Was Orion verbunden hat, das soll der Mensch nicht scheiden.’ stand auf einem Poster, das in all den Jahren seine Farben an sie verloren hatte. Ausgelutscht und fade. An drei Ecken war es mit rotem Klebeband an der Innenwand befestigt. Die andere Ecke rollte sich auf. Klagte ihn an.

Das erste Lächeln des heutigen Tages. Normal.

Er nahm das Magazin und tippte den Namen ab, der unter dem Foto auf der Titelseite stand. Er lächelte. War es normal? Auf dem Display bewegten sich Welten, Linien und Zahlenkolonnen, manche mit scheinbarer Lichtgeschwindigkeit. Sie poppten wie Luftblasen in einem Glas gefüllt mit Sprudel auf und rasten an ihm und seinen suchenden, hungernden Augen vorbei. Es beunruhigte ihn nicht. Es war normal.

Der Lagunennebel. 

Im Sternbild Schütze, da thronte M8, seine Welt. Ein Emissionsnebel, ein Reflexionsnebel, ein Sternentstehungsgebiet, Ja, Ja 6,0 mag, 6,0 mag. So weit entfernt. Ja, leider. So weit entfernt. Seine Vollformatkamera mit dem großen Sensor hing an seinem Teleskop, erwartungsvoll und ungeduldig. Die Welt da draußen gab es nicht. Hier war alles normal. Er war normal. Wer nicht hierher kam, nicht hierher kommen konnte oder wollte, war nicht von dieser Welt. Sollte doch bitte draußen bleiben und Briefmarken sammeln oder Seidenmalerei betreiben.

Die Fokussierung geschah von allein, seine Finger kannten die kleinsten Berührungen, die über Lichtjahre entschieden. Das Metall und die Kunststoffe, die seine Haut berührten, tasteten sich behutsam zu seiner Seele vor. Eine kurze Berührung über 5200 Lichtjahre.

Sie würde es nie verstehen.

Er schon.

In der langsamen Bewegung der Erdachse veränderte sich das Bild in der Dunkelheit. Punkte wanderten langsam, kaum merklich am Firmament seines gewählten Himmelsausschnitts entlang, über die niedrigen Baumkronen hinweg, verschwanden unter dem Horizont. Hier und da ging ein Licht an, es gingen Lichter aus, eine Katze schlich durch den Garten.

Es war eine angenehm kühle Nacht.

Es war eine normale Nacht. Er war ein normaler Mensch in einer normalen Nacht.

Nach einem langen Tag und einem langen Abend saß er auf seinem bequemen Drehstuhl, den er nach seinem Renteneintritt aus der Firma hatte mitnehmen dürfen. Das war nett. Er saß auf seinem langjährig geformten Stuhl, den alten Bekannten seines Gesäßes. Wie fast jeden Tag. Dann sah er wieder auf das Bild der Titelseite. Wie gemein perfekt. So oft hatte er es schon probiert. Jahr für Jahr. Der erste Lagunennebel dieses Jahres.

Wo da wohl ein Unterschied sei, hatte sie ihn gefragt. Letztes Jahr hatte sie sich herabgelassen, einen gelangweilten Blick auf drei seiner bearbeiteten Fotos zu werfen. Immer dasselbe. Sie verstehe das nicht. Da ändere sich doch nichts.

Heute sein erster Lagunennebel in diesem Jahr. Er hatte Verbesserungen an seinem langjährigen Begleiter vorgenommen. Das Teleskoptreffen, neue Ideen, und auch Neid. Neue Begierden. Er sah wieder auf das Titelbild.

Er ließ die stellare Maschinerie ihr Werk beginnen und wartete. Er könnte ins Haus gehen und ein wenig schlafen. Sein Freund würde auch ohne ihn weiter arbeiten. Treuer, zuverlässiger Freund eben. Doch er saß. Er saß und trank einen Schluck Kaffee. Eine Spinne kletterte über sein rechtes Bein. Es kitzelte. Er saß. Er starrte in die Dunkelheit. Es war ganz normal. Noch zwei Nächte und dann stacken. Facetten des Lebens übereinanderlegen. Das ging im normalen Leben nicht. Ach. Wirklich. Wie schade.

Leise arbeitete sein Freund. Er fing Facetten aus der Vergangenheit auf, um Gleichzeitigkeit zu erschaffen. Irreal. Er saß. Er schaute auf den Tubus. Er meinte, Karos zu sehen. Er kratzte sich am Arm. Die alte Stelle ging immer wieder auf. Lästig. Wieder Schorf. Er saß. Die Stirnlampe rutschte leicht. Er rückte sie zurück. Sie rutschte wieder. Er atmete entnervt tief aus.

Die erfrischende Luft streifte seine Wangen. Sie hinterließ eine kleine Spur Feuchtigkeit, die ihn zwischen den Bartstoppeln kitzelte.

Er wischte sie weg, an seiner Hose ab. Aus den Achtzigern.

Er stand auf. Sah durch die geöffnete Kuppel zu seinem Haus, zum Schlafzimmerfenster. Sie lag dort, schlief. Er sah zum Dach. Moosüberwuchert. Feuchtigkeit. Alt. Aus den Achtzigern. Auch dort war sie, auch im Garten, überall. Nicht nur im Haus.

In seiner rechten Brusttasche spührte die Speicherkarte, die nicht ihren vorbestimmten Platz erhalten hatte. Vergessen. Sie steckte zwischen den Krümeln des Kekses des letzten Astronomietreffens vor fünf Wochen und einem kleinen Schnipsel der abgerissenen Eintrittskarte.

Autorin: KC Osvici (copyright) – Version: 2022-08-15 – ein Feedback ist erwünscht.