Dunkel genug für Sterne

17. Oktober 2026 by Roswitha Böhm

Die Laternen entlang der L168 sind neu. Das merkt man sofort – dieses kalte, klinisch-weiße LED-Licht, das keine Schatten macht, sondern nur harte, schwarze Schnitte in den Asphalt stanzt. Amalie hatte geglaubt, der kurze Weg durch das Moor wäre nachts angenehmer als tagsüber, wenn die Sonne das Wollgras bleicht und die Mücken in Schwärmen vor den Gesichtern tanzen. Sie hatte sich geirrt.

Das Licht leuchtet sie aus.

Nicht schützt – ausleuchtet. Wie ein Scheinwerfer auf einer leeren Bühne, und sie ist die Einzige auf dem Stück Asphalt zwischen Wümme und dem nächsten Ort, und hinter ihr – seit wie vielen Minuten jetzt? – sind Schritte.

Nicht umdrehen.

Sie dreht sich nicht um. Aber sie hört es. Ein Rhythmus, der ihrem eigenen folgt. Wenn sie langsamer wird, wird er langsamer. Das ist kein Zufall, das ist kein später Spaziergänger, das ist kein Hund ohne Leine. Amalies Herz beginnt schneller zu schlagen, und das Schlimmste an diesem Moment ist nicht die Angst – das Schlimmste ist das Licht. Diese gleichmäßigen weißen Kegel, alle zwanzig Meter, alle perfekt justiert. Sie zeigen genau, wo sie ist. Sie zeigen, wie weit es bis zur nächsten Kurve ist. Und sie zeigen, dass es keine Kurve gibt.

Flüchten auf der Straße wäre sinnlos. Er würde sie sehen, die ganze Zeit, über den gesamten geraden Strich bis zum Horizont. Sie würde rennen, und er würde sehen, wie sie rennt.

Amalie bleibt stehen.

Nicht aus Erschöpfung. Nicht aus Resignation. Sie steht, weil sie denkt – und weil rechts von ihr der Straßengraben aufhört und der Rand des Moors beginnt. Kein Zaun. Keine Abschrankung. Nur das Ende des Asphalts, und dann: Schwärze.

Absolute, tintenschwarze, vollständige Dunkelheit.

Torf, denkt sie. Nasses Torfmoos. Knöcheltiefer Morast, wenn man Pech hat. Aber kein Licht.

Sie springt.

Das erste, was sie hört, ist das Wasser in ihren Schuhen. Das zweite ist ihr eigenes Atmen. Das dritte – gar nichts mehr. Die Schritte hinter ihr haben aufgehört.

Amalie kauert hinter einem knorrigen Birkengestrüpp, das sie kaum sehen kann, und wartet. Ihr linkes Knie hat etwas Weiches berührt, als sie fiel – Torfmoos, federt wie ein Schwamm, kühl und feucht – und jetzt kniet sie darin und starrt zurück in Richtung Straße.

Dort steht er.

Sie sieht nur eine Silhouette. Einen Mann, der am Rand des Lichtkegels stehen bleibt und in die Dunkelheit blickt, in die sie verschwunden ist. Er hat eine Taschenlampe – natürlich hat er eine –, und er richtet den Strahl in das Moor, als könnte er damit die Nacht aufschneiden. Aber Taschenlampen funktionieren so nicht. Was er tut, ist: Er blendet sich selbst. Er macht seine eigenen Augen unbrauchbar, die gerade an dieses grelle weiße LED-Licht gewöhnt waren, und er schickt den Strahl in eine Schwärze, die ihm nichts zurückgibt.

Amalie hört ihn fluchen. Ein hartes, wütendes Geräusch.

Sie sieht ihn trotzdem.

Nicht gut, noch nicht – noch ist alles ein wenig verschwommen, noch tasten ihre Augen sich voran –, aber die Silhouette steht klar gegen den hellen Streifen der Straße hinter ihm. Und mit jeder Minute, die vergeht, wird das Bild schärfer. Das Rhodopsin in den Stäbchen ihrer Netzhaut tut seine Arbeit, langsam, behutsam, wie es immer getan hat, seit das erste Säugetier lernte, nachts über die Erde zu schleichen: Es baut sich auf. Passt sich an. Fünfzehn Minuten echte Dunkelheit, und man sieht, was man vorher nicht sehen konnte.

Er sieht das nicht. Er hat keine fünfzehn Minuten. Er hat Ungeduld und eine Taschenlampe und Wut, und das Moor interessiert sich für keines davon.

Irgendwann hört sie seine Schritte wieder – diesmal in die andere Richtung. Und dann: nichts mehr.

Amalie bleibt trotzdem sitzen.

Nicht aus Vorsicht, obwohl das auch ein Grund wäre. Sie bleibt sitzen, weil ihr Herzschlag langsamer wird und weil sie in diesem Moment zum ersten Mal wirklich wahrnimmt, wo sie ist.

Das Moor riecht nach Torf und nach altem, dunklem Wasser. Die Luft ist kühler hier als auf der Straße. Irgendwo ruft ein Vogel einmal, kurz, und dann ist es wieder still – aber es ist eine andere Stille als vorhin, keine bedrohliche, sondern eine volle. Eine Stille, die von Dingen bewohnt wird.

Sie sieht es zuerst aus dem Augenwinkel.

Ein kleines, grünliches Aufleuchten. Und dann noch eins. Und noch eins – und dann sind sie überall.

Johanniskäfer.

Dutzende zuerst, dann hunderte. Kleine, lautlose Lichter, die träge über dem schwarzen Wasser der Torfkanäle schweben, über dem Wollgras, das hell und gespenstisch über die Dunkelheit ragt. Kein Summen, kein Knistern. Nur dieses kalte, sanfte Grün, das kommt und geht, kommt und geht, als würde die Nacht selbst atmen.

Hier gibt es das noch, denkt sie.

Sie weiß, dass es die Männchen sind, die leuchten und suchen. Dass die Weibchen am Boden sitzen und antworten, kleiner, unscheinbarer. Dass dieser ganze alte, zarte Tanz seit Jahrmillionen so funktioniert – und dass er aufhört, sobald auch nur eine Laterne in der Nähe ist. Nicht weil das Licht die Käfer tötet, sondern weil es sie blind macht. Weil die Männchen die Weibchen im künstlichen Dauerlicht einfach nicht mehr finden.

Nur hier, in der Schwärze des Moors, hat dieser Zauber überlebt.

Amalie schaut nach oben. Zwischen dem Birkengestrüpp öffnet sich ein Streifen Himmel, und dort – glasklar, gespiegelt im stillen, schwarzen Wasser des Kanals neben ihr – liegt die Milchstraße. Kein Schleier. Kein Orangerot. Nur Sterne, so viele, dass das Wort Sterne plötzlich zu klein klingt für das, was sie sieht.

Amalie steht irgendwann auf. Ihre Hose ist nass bis zum Oberschenkel, ein Schuh macht bei jedem Schritt ein leises, saugendes Geräusch, und sie wird morgen erklären müssen, warum der Torf in ihrem Haar ist.

Aber während sie vorsichtig zurück zum Straßenrand tastet, denkt sie:

Die Dunkelheit hat mich nicht gefressen.

Sie hat mich versteckt. Hat sich zwischen mir und den Mann auf der Straße gestellt, was zwischen ihr und der ganzen lauten, überbeleuchteten Welt steht: ein stilles, altes Einverständnis. Ich sehe dich. Du siehst mich nicht. Du brauchst keine Angst zu haben.

Die Johanniskäfer leuchten noch, als sie auf den Asphalt tritt.

Hinter ihr, im Moor, brennt das Licht weiter – ohne Strom, ohne Laterne, ohne irgendjemanden, der es befohlen hat.

Gut so, denkt Amalie, und geht nach Hause.

Roswitha Böhm, 2026


Kurzvita

Beim Geschichtenwettbewerb von Dark Sky Nord ist sie kein neues Gesicht: 2025 gewann sie mit „Hoffnungsdunkelheit“ den ersten Platz.


Roswitha Böhm hat mir ihrer Kurzgeschichte „Dunkel genug für Sterne“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2025/2026 den fünften Platz gewonnen.

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