Blog

Die Nacht der Befreiten

16:00 Uhr.

Die Siesta ist vorüber. Esperanza drückt die knarrende Holztür auf und tritt in das Büro der Sociedad Española contra la Contaminación Lumínica – der Spanischen Vereinigung gegen Lichtverschmutzung – deren Gründerin, Geschäftsführerin und Mädchen für alles sie ist. Diese Bastion des Kampfes liegt zwischen einem Tattoo-Studio und einem veganen Café.

Sie lässt sich in den wackeligen Drehstuhl fallen. An den Fensterscheiben kleben ihre handgeschriebenen Texte wie Apaga una luz, enciende una estrella – lösche ein Licht, entzünde einen Stern.

An den Wänden blättert die Farbe. Und in ihrem Herzen die Hoffnung. Seit fünfzehn Jahren kämpft sie in einer Stadt, die niemals schläft. Mit bescheidenem Erfolg. Ihre Website? 47 Aufrufe im letzten Jahr. Ihr letzter Online-Vortrag? Drei waren dabei. Zwei wach, einer schlafend.

16:37 Uhr.

Esperanza tritt zur Kaffeemaschine und schaut auf die Strasse hinaus. Erste Neonlichter beginnen zu flackern. Das übliche Abendritual nimmt seinen Anfang. Madrid rüstet sich für eine weitere gnadenlos helle Nacht.

16:39 Uhr.

Die Kaffeemaschine stottert prustend. Die Glühbirne über dem Schreibtisch zuckt. Einmal. Zweimal. Mit einem leisen Plopp erlischt sie. Esperanza seufzt und tastet nach ihrer Taschenlampe. „Schon wieder die Sicherung“, murmelt sie.

Als sie aufblickt, stutzt sie. Auch die Strassenlaterne vor dem Fenster ist aus. Die grelle Neonreklame des Tattoo-Studios: dunkel. Das LED-Display der Bank: schwarz. Ihr Herz beginnt zu rasen. Das ist mehr als eine kaputte Sicherung. Sie schaltet das alte Radio ein, dreht nervös am Regler. Rauschen. Fetzen von Stimmen: „…kompletter Stromausfall…“ „…Millionen von Menschen…“ Die Stimme verstummt.

Esperanzas Hände zittern. Sie reisst das Fenster auf und lehnt sich hinaus. Über der Stadt, wo normalerweise ein orangefarbener Lichtschleier die Sicht trübt, funkeln Sterne. Echte Sterne! Die Milchstrasse zieht sich wie ein silbernes Band über den Himmel. Tränen steigen in ihre Augen. Das ist er. Der Himmel, für den sie kämpft. Der Himmel ihrer Kindheit in den Bergen Asturiens. Glücksgefühle durchströmen sie.

20:38 Uhr.

Polter! Polter! Polter! Fäuste hämmern gegen die Bürotür. Esperanza zuckt zusammen. Stimmen dringen ins Innere: „Aufmachen! Wir wissen, dass Sie da sind!“

Sie öffnet zögernd. Vor ihr drängt sich eine Gruppe verzweifelter Menschen.

„Machen Sie das Licht sofort wieder an!“, kreischt eine junge Frau und wedelt mit ihrem toten iPhone. „Ich war gerade dabei, meinen Instagram-Post hochzuladen! Drei Stunden Arbeit für das perfekte Foto. Und jetzt ist alles hin!“

Ein Mann im zerknitterten Anzug drängt sich vor: „Meine Präsentation ist morgen früh! Ohne PowerPoint bin ich ruiniert! Verstehen Sie? Ru-i-niert!“

„Die Werbetafel von unserem Restaurant ist dunkel“, jammert ein Mann mit Kochschürze. „Ohne unser Neonschild finden die Kunden uns nie! Wir gehen bankrott!“

21:18 Uhr.

Die Menschenmenge wird grösser. Eine Teenagerin mit weit aufgerissenen Augen steht vor ihr: „Es ist so dunkel! So tot! Ich halte das nicht aus! Wo ist das Licht?“

Eine Mutter zerrt drei Kinder hinter sich her: „Die Kleinen haben Angst! Es ist ein Alptraum!“

Ein älterer Herr hält sein nicht mehr funktionierendes Tablet hoch: „Meine Nachrichten! Meine E-Mails! Wie soll ich wissen, was auf der Welt passiert? Ich bin verloren!“

Esperanza stammelt: „Ich bin nicht zuständig für Stromausfälle, wenn ich auch für weniger Licht kämp…“

„Sie sind doch von der Lichtbehörde!“, unterbricht sie ein junger Mann, dessen Gesicht matt im Licht des Displays schimmert. „Sie müssen das reparieren! Sofort!“

21:34 Uhr.

Immer mehr Menschen strömen herbei. Ein Uber-Fahrer fuchtelt mit seinem Handy: „Mein GPS funktioniert nicht! Wie soll ich arbeiten? Wie soll ich überhaupt wissen, wo ich bin?“

Eine Influencerin mit perfekt gestylter Frisur: „Ich habe 500.000 Follower! Die warten auf meinen Nachtpost! Das ist eine Katastrophe! Meine Reichweite bricht zusammen! Meine Karriere ist vorbei!“

Ein Youtuber brüllt entnervt: „Mein Equipment! Meine Softboxen! Ohne Strom ist alles umsonst!“

Ein Banker: „Die Börse! Wie soll ich handeln ohne meine drei Monitore? Jede Minute kostet mich Tausende!“

Esperanza versucht sich zu erklären, aber niemand hört zu. Die Menge wird unruhiger, aggressiver.

„Das ist eine Katastrophe!“, brüllt jemand aus der Menge. „Wie sollen wir leben ohne Licht? Licht ist ein Menschenrecht!“

22:13 Uhr.

Esperanza schafft es gerade noch, sich in ihr Büro zu retten und die Tür zu verriegeln. Draussen hämmern Fäuste gegen das Türe und Fenster. Die Scheiben zittern unter den Schlägen.

„Licht! Wir brauchen Licht! Sofort!“, schreien die Stimmen im Chor. „Reparieren Sie das! Machen Sie Ihre Arbeit!“

Sie lehnt sich mit dem Rücken gegen die Tür und atmet schwer. Der Schweiss perlt auf ihrer Stirn. Fünfzehn Jahre hat sie gegen diese Lichtflut gekämpft. Aber dass die Abhängigkeit so tief sitzt? Menschen, die vor Panik weinen, weil ihr Bildschirme dunkel sind?

20:45 Uhr.

Esperanza zündet eine Kerze an. Im flackernden Licht betrachtet sie die Ordner voller ignorierter Petitionen, Zeitungsartikel, die niemand gelesen hat. Dokumente ihre jahrelangen Kampfes gegen Windmühlen.

Aber heute… wird heute ihr Traum wahr? Wieso auch immer.

Die Faustschläge verstummen allmählich. Schritte entfernen sich. Irgendwo in der Ferne hört sie noch vereinzelte Rufe: „Das ist alles deine Schuld!“

23:14 Uhr.

Esperanza schleicht durch den Hinterausgang ins Freie. Die Gassen von Malasaña sind gespenstisch leer. Nur vereinzelt huschen Gestalten im Schein von Taschenlampen vorbei. Auf der Suche nach funktionierenden Handyladestationen, offenen Geschäften, Strom.

Sie geht ziellos durch die dunklen Strassen. Diese sind ungewöhnlich leer – ohne funktionierende Ampeln fahren die wenigen Autos im Schrittverkehr. Madrid wirkt friedlicher.

Dann hört sie Lachen. Fröhliches Lachen. Aus der Richtung des Retiro-Parks kommt es. Wie ist das möglich? Jedermann scheint in Panik zu sein, und dort… dort wird gelacht?

00:31 Uhr.

Sie folgt den Stimmen. Sie durchquert die dunklen Alleen des Parks, vorbei an den stummen Wasserfontänen, den leeren Cafés. Im Herzen des Parks, auf der grossen Wiese nahe des Kristallpalastes, entdeckt sie sie. Eine surreale Versammlung im Mondenschein.

Ein alter Mann blickt durch sein Teleskop. Er wendet den Blick ab und den Menschen zu. Aufgeregt zeigt er gen Himmel: „Seht ihr das!“, spricht er aufgeregt. „Der Orionnebel! Nach Jahrzehnten kann man ihn endlich wieder sehen!“

Neben ihm liegt eine Frau mittleren Alters im Gras, die Augen geschlossen, ein seliges Lächeln auf den Lippen: „Meine Migräne ist weg. Einfach weg. Zum ersten Mal seit Monaten kann ich denken, ohne dass es in meinem Schädel hämmert.“

00:55 Uhr.

Die Schar der Versammelten wird immer grösser. Ein kleiner Junge zeigt seiner staunenden Schwester die Milchstrasse: „Schau, Lisa! Da oben wohnen Sternen-Feen!“

Eine Eule landet auf einem nahen Ast. „Hu hu“, ruft sie triumphierend in die Dunkelheit. „Hu hu hu“, antwortet eine andere aus der Ferne. Dann noch eine, und noch eine, und noch eine. Bald huhut ein ganzer Eulen-Chor.

„Hört ihr das?“, flüstert eine ältere Dame mit Tränen in den Augen. „Die Eulen sprechen wieder miteinander! Ich habe das seit Jahren nicht mehr gehört! Ich dachte, sie wären alle weggeflogen.“

Ein Bursche mit Baseball-Cap sitzt mit geschlossenen Augen an einen Baum gelehnt: „Normalerweise kann ich nie abschalten. Immer blinkt, piept, leuchtet etwas. In meinem Kopf, ein wahres Neon-Gewitter. Aber jetzt… jetzt ist es endlich still — Aaah, tut das gut.“

01:18 Uhr.

Fledermäuse tanzen über die Köpfe, schwarze Silhouetten im Sternenhimmel. Eine sagt: „Endlich können wir wieder richtig jagen! Keine grellen Farben mehr, die uns verwirren!“

Ein Krankenpfleger reckt die Arme in den Sternenhimmel. „Ich arbeite nachts in einem Krankenhaus. Stets umgeben von Neonlicht. Brennende Augen gehören da zum Alltag. Aber heute… heute entspannen sie sich wieder.“

Nachtfalter flattern zwischen den Menschen umher, landen vertrauensvoll auf ausgestreckten Händen. Einer flüstert: „Normalerweise verbrennen wir uns an euren Lampen.“

Es ist schon nach 01:30 Uhr.

Ein Igel tapst mutig über die Wiese. Die Kinder kichern und zeigen aufgeregt auf ihn. „Das sind die nachtaktive Tiere. Sie warten, bis unsere grelle Welt verstummt“, flüstert eine Mutter.

Menschen und Tiere, vereint im magischen Dunkel.

Ein alter Dichter mit zerzausten Haaren steht auf, erhebt die heisere Stimme: „Hört mich an! Zwanzig Jahre habe ich versucht, über die Nacht zu schreiben, aber die Worte kamen nicht. Die Lichter haben sie vertrieben. Heute habe ich sie wieder gefunden: Schwärze, Sternenglanz, Eulenruf, Schweigen.“

01:59 Uhr.

Esperanza gesellt sich zur bunten Schar „Ich bin Esperanza“, sagt sie. „Ich führe die Sociedad Española contra la Contaminación Lumínica. Seit einer gefühlten halben Ewigkeit kämpfe ich mit meinen Wegbegleitern gegen das uns quälende Licht.“

Spontaner Applaus bricht aus. Die Fledermäuse kreischen vor Freude. Die Eulen rufen. Sogar die Grillen zirpen lauter: „Du bist unsere Heldin!“

„Aber, den Stromausfall habe ich nicht verursacht“, sagt Esperanza lachend.

„Das spielt keine Rolle“, antwortet die Migränegeplagte und öffnet die Augen: „Du hast nie aufgegeben zu Hoffen. Du hast uns gezeigt, dass es auch anders geht. Du warst unsere Stimme der Dunkelheit. Du bist unsere Doña Quijote!“ Alle klatschen.

03:12 Uhr.

Esperanzas Geschichte macht bei den Feiernden die Runde. Auch beim Nachtschwärmer, der jahrelang Tabletten gegen Lichtempfindlichkeit schlucken musste und endlich ohne Schmerzen draussen sein kann. Und der lichtgeplagten Schlaflosen, welche endlich wieder träumt.

Eine alte Dame erzählt mit brüchiger Stimme: „Als ich klein war, gingen wir jeden Abend auf den Balkon und zählten Sterne. Mein Vater kannte alle Sternbilder. Aber heutzutage“ — sie seufzt — „schön wäre es. Aber heute Nacht… heute Nacht ist es wie damals in meiner Kindheit.“

03:40 Uhr.

Esperanza schaut um sich. Der Igel atmet ruhig und vertrauensvoll. Über ihr kreisen Fledermäuse wie schwarze Engel.

Man ist sich einig. So sollte jede Nacht sein.

Ein kleines Mädchen tuschelt mit seiner Mutter: „Können wir morgen wieder hierher kommen und Sterne gucken?“

04:07 Uhr.

Ein tiefes Summen in der Ferne. Dann – ein Flackern am Horizont. Erste Lichter gehen wieder an, kleine helle Punkte in der Schwärze.

Die Versammelten werden unruhig. Die Tiere heben die Köpfe, spüren, da bahnt sich etwas an.

„Es ist vorbei“, sagt jemand mit unendlicher Trauer in der Stimme.

04:09 Uhr.

Licht explodiert über Madrid wie eine grelle Bombe. Strassenlaternen erwachen mit aggressivem Weiss, Reklametafeln blinken gnadenlos, Bürotürme erstrahlen in kaltem Neon. Die grelle Realität erobert die Stadt zurück.

Als erste verschwinden die Tiere. Die Fledermäuse rauschen erschrocken in die Bäume, der Igel erschrickt und trippelt hastig ins Gebüsch. Die Eulen verstummen abrupt.

Die Menschen stehen langsam auf, wie Träumende, die unsanft geweckt werden.

In der Ferne hört man die Jubelschreie der Lichtjunkies. „Das Licht ist zurück! Instagram funktioniert wieder! Gott sei Dank!“

Hans Peter Flückiger, Juni 2025


Kurzvita

Hans Peter Flückiger. *1952, aus Solothurn (Schweiz). Arbeitete als Journalist, Reporter und Fotograf. Seit 2015 Autor literarische Texte. Schreibt Kurzgeschichten, Gedichte, Essays und Publikationen für Anthologien und Blogs. Erfolgreiche Teilnahme an Wettbewerben und Ausschreibungen.
Einen expliziten Bezug zu den Themen Dunkelheit – Nacht – Astronomie habe ich nicht. Ich sehe meine Motivation zum Schreiben darin, das Vordergründige und Naheliegende zu hinterfragen. Nach der Berichterstattung zum großen Stromausfall auf der Iberischen Halbinsel – in der vor allem von Problemen die Rede war – sagte ich mir, dass es doch auch Nutznießer in dieser tristen Geschichte geben muss. Und diese kommen – wie deren „Opfer“ – in meiner Geschichte zu Wort.

Hans Peter Flückiger hat mir seiner Kurzgeschichte „Doña Quijote und die Windmühlen des Lichts“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2024/2025 den zweiten Platz gewonnen.

Ich habe noch gelernt, wie man mit geschlossenen Augen schläft. Heute ist das eine ausgestorbene Kunst. Unsere Fenster dimmen das Licht nicht – sie multiplizieren es. Es kommt von draußen, von oben, von innen. Immer ist irgendwo etwas, das leuchtet. Sogar die Wände strahlen, seit das neue Lichtgesetz erlassen wurde. Dunkelheit gilt als gefährlich. Als rückständig. Als krankmachend. Ich weiß es besser.

Früher war ich Technikerin im Lichtamt. Ich habe das große Raster mitüberwacht, habe dafür gesorgt, dass kein Quadratmeter der Stadt in Schatten fiel. „Schatten sind das Tor zur Gewalt“, sagte mein Chef immer. Und alle nickten. Ich auch. Damals. Ich war sogar stolz. Einmal habe ich ein halbes Viertel reaktiviert, nachdem der Strom für 0,8 Sekunden ausfiel. Ich erhielt eine Auszeichnung. Heute brennt das Zertifikat in einem alten Karton unter meinem Bett – falls man mich fragt, ob ich je eine andere Meinung hatte.

Dann kam der Ausfall.

Es war eine dieser seltenen Störungen. Ein technischer Defekt, der sich durch die Rasterlogik schlich wie ein rostiger Splitter durch feines Gewebe. Erst flackerte es. Dann war es weg. Für exakt 81 Minuten. Ich erinnere mich, weil es die längsten meines Lebens waren.

Ich hatte Spätdienst. Sitzebene 12, Wartungsblock E. Um mich herum: flache Monitore, leuchtende Tische, das Surren von Kühlkreisläufen. Als alles dunkel wurde, war da zuerst: Panik. Jemand schrie. Jemand lachte. Jemand fiel vom Stuhl. Ich aber stand einfach nur da. Und sah.

Durch das Panzerglas unseres Kontrollzentrums sah ich hinaus auf die Stadt. Und da war sie – eine leuchtende Dunkelheit, wenn das Sinn ergibt. Ein Himmel, der nicht projiziert war. Kein Display. Keine Simulation. Nur… Sterne. Tausende. Millionen. So fern, dass sie mir vorkamen wie Erinnerungen.

Ich weiß nicht mehr, wie lange ich einfach nur dort stand. Ich vergaß zu atmen. Und als ich es wieder tat, war die Luft anders. Klarer. Schwerer. Als wäre sie endlich zur Ruhe gekommen.

Das Raster atmete wie eine zweite Haut. Lichtnerven, flüssige Leitbahnen aus Nano-Kristall, zogen sich durch Wände und Böden. Sobald ein Schatten länger als drei Sekunden bestand, wurde er gelöscht. Wir nannten das „Stabilisierungsschleife“. Ich nannte es später: Auslöschung.

Seit jenem Tag bin ich nicht mehr dieselbe. Ich arbeite nicht mehr für das Lichtamt. Offiziell bin ich in Langzeitkrankheit. Inoffiziell versuche ich zu erinnern. Ich habe begonnen, mit Menschen zu sprechen, die noch wissen, wie es war. Und mit denen, die es nie kannten.

Da ist zum Beispiel Ilayda, acht Jahre alt. Sie lebt im Betonturm an der Außenzone. Ihre Mutter arbeitet Nachtschicht, ihr Vater ist tot. Ilayda hat noch nie eine Kerze gesehen. Ich habe ihr eine gezeigt – heimlich. Sie hat sie „Licht, das atmet“ genannt.

Oder Herr Marquardt. 93, blind, ehemaliger Gärtner. Er spricht von Pflanzen wie von alten Freunden. „Die Dahlien blühen zu früh, meine Liebe“, sagt er. „Und die Birken verlieren ihre Blätter nicht. Sie wissen nicht mehr, wann der Winter kommt. Wir haben ihren Takt verloren.“

Einmal erzählte er mir, dass früher sogar die Pflanzen geschlafen haben. „Sie brauchten die Nacht zum Atmen“, sagte er. „Jetzt keuchen sie im Dauerlicht.“

Ich fragte ihn einmal, ob ihn die Lichtflut nicht wahnsinnig mache. Er lachte leise und sagte: „Ein Segen im Unglück. Ich sehe sie nicht. Nie gesehen. Ich erinnere, wie es war – in den Nächten in meinem Garten, mit dem Duft von Erde und dem Knistern der Stille. Die Dunkelheit lebt in mir weiter, weil ich sie nie verloren habe. Ich trage sie in mir – als Erinnerung, nicht als Mangel.“

Einmal hat er mir von einem nächtlichen Gewitter erzählt. Wie er den Regen auf der Haut spürte, das ferne Grollen hörte – und nichts sehen musste, um zu wissen, dass es schön war. „Es war, als würde die Welt durchatmen. Heute atmet sie nur noch flach.“

Und dann sind da die Tiere.

Die Straßen sind still. Keine Grillen. Keine Fledermäuse. Vögel zwitschern verwirrt um drei Uhr morgens. Eine Katze jagt ihrem Schatten hinterher, der nie ganz still steht. Die Natur ist aus dem Takt geraten, genau wie wir.

Eines Nachts, in meinem Dunkelraum, hörte ich plötzlich ein Flattern. Vorsichtig öffnete ich die Tür. Eine Eule saß auf der Treppe. Sie sah mich an – oder spürte mich. Und flog nicht fort. Als hätte sie geahnt, dass hier etwas war, das sie verstand. Am nächsten Morgen lag eine Feder auf der Matte. Ich habe sie aufgehoben. Sie riecht nach Moos und Zeit.

Ich erinnere mich an die Erklärung, die wir damals erhielten: „Die Lichtstruktur stabilisiert das Verhalten.“ Aber das Verhalten was? Der Menschen? Der Tiere? Der Gedanken? Nichts ist stabil. Alles flackert, auf eine andere Weise.

Ich schreibe das alles auf, in ein Heft aus echtem Papier. Ich habe es in einem verlassenen Antiquariat gefunden. Es riecht nach Staub und Regen. Beides gibt es kaum noch. Unsere Welt wurde sterilisiert, beleuchtet, kontrolliert. Aber manchmal – manchmal gelingt es mir, einen Ort zu schaffen, an dem es wieder dunkel wird.

Ich habe meinen Abstellraum umgebaut. Sensoren entfernt. Keine Projektionspaneele, keine Lichtnerven im Boden. Ich lege mich hinein, schließe die Tür – und dann: ist da nichts. Und dieses Nichts ist das friedlichste Etwas, das ich kenne.

Ilayda war auch schon dort. Nur ein paar Minuten. Sie kam wieder heraus mit einem Gesichtsausdruck, den ich nicht beschreiben kann. Vielleicht nennt man das Frieden.

Ich höre manchmal andere Kinder lachen. Hell, schrill. Als hätten sie nie etwas anderes gekannt. Aber wenn ich ihnen ein Bild male, von einem Himmel ohne Decke, werden sie ganz still.

Manche fragen, ob es den Himmel wirklich gab. Ich antworte nicht mit Worten. Ich schalte das Licht aus, halte ihre Hand – und warte. Meistens kommen dann Fragen, manchmal Tränen. Aber immer: Stille.

Letzte Woche war Herr Marquardt nicht mehr erreichbar. Ich habe später erfahren, dass er in ein betreutes Lichtzentrum gebracht wurde. „Zu viele Schatten in seinen Aussagen“, stand im Protokoll. Ich habe Angst, dass ich die Nächste bin.

Ein paar Tage danach besuchte mich Jara. Früher war sie meine Kollegin. Jetzt trägt sie eine silberne Weste mit dem Wappen der Lichtbehörde. Sie trat nicht ein – stand nur im Türrahmen. „Wir beobachten.“, sagte sie ruhig. „Du warst mal eine von uns. Benimm dich so.“

Ich antwortete nicht. Aber meine Hand lag auf der Feder. Sie fühlte sich schwer an in dem Moment – wie ein Versprechen.

Trotzdem habe ich angefangen, mein Wissen weiterzugeben. Ich flüstere Geschichten. Ich zeichne Sterne mit leuchtfreier Tinte auf Mauern. Ich bringe Kindern bei, wie man die Augen schließt – und trotzdem sieht.

Ilayda hat mir neulich eine Frage gestellt: „Glaubst du, dass die Sterne noch da sind, auch wenn wir sie nicht sehen?“ Ich habe geschwiegen. Dann habe ich gesagt: „Ich glaube, sie warten.“

Ich hoffe, dass sie noch lange warten können.

Vielleicht kommt der nächste Ausfall. Vielleicht länger. Vielleicht reicht er, um etwas zu verändern. Vielleicht auch nicht. Aber ich werde bereit sein. Ich werde anderen zeigen, was ich gesehen habe. Ich werde weiter Geschichten flüstern, weiter dunkle Räume bauen, weiter Sterne malen, die keiner sehen darf.

Heute lag ein Umschlag unter meiner Tür. Kein Absender. Innen: ein handgezeichneter Sternenhimmel. Keine Namen, nur Punkte. Und auf der Rückseite stand in feiner Schrift:

„Wir erinnern. Du bist nicht allein.“

Denn was wir vergessen haben, war keine Schwäche. Es war unser Ursprung.

Und die Nacht ist nicht unsere Feindin.

Sie ist das, was uns fehlt.

Sie ist unsere Hoffnungsdunkelheit.

Roswitha Böhm, Mai 2025


Kurzvita

Roswitha Böhm ist Autorin, Künstlerin und ein Stück kreative Weltverbesserin. Unter dem Namen Gedankenteiler verbindet sie Fantasie mit Tiefgang, Humor mit Haltung – in ihren Geschichten ebenso wie in handgemachten Unikaten. 2025 wurde sie für ihre Kurzgeschichte „Ewig verbunden“ mit dem 2. Platz beim Marburg-Award ausgezeichnet.

Roswitha Böhm hat mir ihrer Kurzgeschichte „Hoffnungsdunkelheit“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2024/2025 den ersten Platz gewonnen.

Liebe Freund*Innen der Nacht,

Das Ergebnis des Kurzgeschichtenwettbewerbs 2024/25 ‘Willkommen auf der dunklen Seite der Nacht‘ steht fest. Das Team war beeindruckt von der Vielfalt der Themen zum Thema, gerade auch, weil wir hier die Bereitschaft von Menschen und besonders von Schreibenden sahen, die sich den Herausforderungen der neuen Realität auf unserem Planeten stellen, kritisch hinterfragen und nach kreativen Lösungsansätzen suchen. Dafür von unserer Seite einen ganz herzlichen Dank.

Die Gewinner*Innen wurden bereits von uns entsprechend benachrichtigt.

Wir bedanken uns bei allen für die Teilnahme – auch wenn es dieses Mal noch nicht bis in die Longlist und dann Shortlist reichte. Wir hoffen, dass wir auch beim nächsten Mal wieder viele inspirierende Einsendungen von euch bekommen werden.

Doch jetzt genug der Worte. Hier kommen die Gewinner*Innentexte:

1. Platz: Hoffnungsdunkelheit von Roswitha Böhm
2. Platz: Doña Quijote und die Windmühlen des Lichts von Peter Flückinger
3. Platz: Die Dunkelheit von Jörg Ehrnsberger
3. Platz: Die Dunkelkröte von Teresa Steidele

Dieses Jahr entschieden wir uns im Team, vier Geschichten einen Sonderpreis in Form einer Veröffentlichung auf unserer Homepage zu verleihen: In einer Zeit, in der viele Menschen wegsehen und ihrem business-as-usual folgen, wollen wir einige unter euch für euer Engagement würdigen, indem wir euren Geschichten Sichtbarkeit geben.

  • Tanzende Sterne von Jelena Moesus
  • Künstliche Sterne von Sabine Geschka
  • Das Wunder der Nacht von Christian Knieps
  • Licht aus für Merope von Rea Sommer

Wir wünschen viel Spaß beim Lesen.
Die Geschichten werden wir in den nächsten Tagen entsprechend veröffentlichen.

Willkommen auf der dunklen Seite der Nacht

Auch in diesem Jahr laden wir, die Aktiven der Dark Sky Nord – Bremen und Umzu alle kreativen Enthusiasten der Dunklen Nacht dazu ein, Ihren Geschichten eine Plattform zu geben.

Halten Sie Ihre Ideen und Vorstellungen über die natürliche Dunkelheit und die Schönheit der Nacht fest. Packen Sie sie in emotionale, tiefsinnige, originelle, heitere und/oder dramatische Kurzgeschichten! (s. Teilnahmebedingungen unten)

Warum Fiction? Ist Lichtverschmutzung nicht ein Thema für die Naturwissenschaften und die Politik?

Die wenigsten unter uns haben den Bericht vom Weltklimarat (IPCC – Intergovernmental Panel on Climate Change) gelesen und doch wissen wir alle, dass ‘das Haus brennt’. Doch wie können wir die brenzlige Situation den Menschen näherbringen? Durch Geschichten. Das kennen wir alle, seit wir die ersten Lagerfeuer erfanden und die Unbilden des Tages in kurze Sätze packten, die jede/r verstand und nachvollziehen konnte. So auch zum Thema ALAN (artificial night at night), das sofort mit Biodiversität, Technologie, Gesundheit etc, also mit naturwissenschaftlichen Themen in Verbindung gebracht wird. Doch genau dieses Verständnis für unser Weltkulturerbe ‘natürlich dunkler Nachthimmel’ wollen wir jetzt auch über Geschichten vermitteln.

Und dafür brauchen wir Ihre Kreativität.

Was ist ALAN genau?

ALAN oder auch Lichtverschmutzung ist ein noch unterschätztes Phänomen unserer so genannten 24/7 Gesellschaft, die die Nacht zum Tag macht: Carpe Noctem.

Nur sehr langsam werden wir uns der Auswirkungen z. B. auf die Gesundheit, die Biodiversität, den Energieverbrauch, das Weltkulturerbe bewusst. Durch die ‘Energiekrise’ ist die künstliche Beleuchtung in der Nacht sozusagen über Nacht zu einem Thema geworden, welches Einsparungspotenzial verspricht, aber auch mit dem Verzichtsnarrativ eng gekoppelt ist.

Die natürliche Dunkelheit ist ein Refugium für nachtaktive Lebewesen und der Erholungsraum für die tagaktiven Geschöpfe. Sprechen wir allerdings über die Dunkelheit, dann verbinden wir sie unvermittelt mit Gefahr, Rückständigkeit, Boshaftigkeit (dunkle Gedanken), Kriminalität und Verzweiflung. Schnell ist jemand ‘umnachtet’ oder dumm wie die Nacht. Ereignisse werfen einen dunklen Schatten voraus und passiert uns etwas Unangenehmes, sprechen wir von den Schattenseiten des Lebens.

Und was ist mit der Schönheit der natürlichen Nacht?

Rilke wusste es. Novalis auch.

Keiner spricht von der Dunkelheit am Ende des Tunnels, niemand wagt es, dort hineinzutreten. Keiner schreibt Epen über glorreiche Ritter des dunklen Grals, niemand träumt von Heldentaten zum Schutz der umhüllenden Nacht, der Ruhe und dem Frieden für die Augen und der Seele, dem heilenden Schlaf in der natürlichen Dunkelheit.‘ (s. Blog – fiction: Die beruhigenden Eigenschaften der Dunkelheit)

Wir haben unsere Verbindung zur natürlichen Dunkelheit auch in unserer Sprache verloren.

Und deshalb laden wir Sie ein, der Nacht positive Konnotationen zu schenken und die zweite Tageshälfte in Texten zu ihrer Schönheit zurückzuführen.

Natürlich darf die/der AutorIn kontrastieren, d. h. auch Geschichten mit ‘schweren’ Themen sind erwünscht. Doch vergessen Sie bitte nicht umzudenken.

Was gibt es zu gewinnen?

  1. Der wichtigste Preis: Sie werden als WegbereiterIn ein unterschätztes Thema vielen Menschen näherbringen und betreten ein neues Podium im Bereich Fiction. Durch die Veröffentlichung auf unserer Homepage wird eine breite Leserschaft Ihr Werk kennenlernen. Und auch auf unseren Vorträgen werden wir Ihre Geschichte, Ihre Sicht auf die Schönheit der Nacht den Menschen näherbringen.
  2. Der erste Preis ist eine Sternenführung mit Sabine Frank im Biosphärenreservat Rhön (von der International Dark Sky Association (IDA) anerkannter Sternenpark). Sabine Frank ist Sternenparkkoordinatorin im Biosphärenreservat und eine Verfechterin der natürlichen Dunkelheit. Sie berät überregional Städte, Kommunen und Gemeinden die öffentliche und auch die private Beleuchtung nachhaltig zu gestalten und unterstützt viele Organisationen aus dem Dark Sky Bereich mit ihrer Kompetenz.
  3. Der zweite Preis ist das Buch des Astrofotografen Bernd Pröschold: Reiseziel Sternenhimmel: Die dunkelsten Beobachtungsplätze in Deutschland und Europa. Bernd Pröschold ist einem größeren Publikum durch astronomische Zeitraffervideos bekannt geworden. Er arbeitet mit einer Technik, die unter dem Schlagwort „Holy Grail Timelapse“ bekannt wurde. Er ist Mitglied im Fotografennetzwerk TWAN (The World at Night).
  4. Der dritte Preis ist eine Semlos Leselampe, Augenschutz Bernstein Klemmlampe für ein augenschonendes Schreiben und Lesen und einen sich anschließenden gesunden Schlaf.

Rahmenbedingungen

Eingereicht werden kann pro TeilnehmerIn nur ein bisher nicht in einem Printmedium oder digital veröffentlichter Text.  

Zu Ihrem Beitrag senden Sie bitte eine kurze Vita ein (u. a. mit Namen, bisheriger literarischer / künstlerischer Werdegang, Bezug zu den Themen Dunkelheit – Nacht – Astronomie – Webseite etc.), die bei einer Veröffentlichung mit abgedruckt werden kann/soll. Eine anonyme oder die Veröffentlichung unter Pseudonym ist aber auch möglich. Bitte teilen Sie es uns mit.

Zudem senden Sie bitte separat, rein für die interne Verwendung, Ihre Kontaktdaten mit: Name, Adresse, E-Mail-Adresse, Telefonnummer und auch nochmal den Titel Ihrer Kurzgeschichte zur besseren Zuordnung und Arbeitserleichterung.

Mit der Teilnahme an dem Wettbewerb versichern die TeilnehmerInnen, dass der eingesandte Beitrag selbst verfasst ist und keine Rechte Dritter verletzt werden. Des Weiteren erklären sich die TeilnehmerInnen damit einverstanden, dass der Textbeitrag (im Ausschnitt oder komplett – zu Werbezwecken) auf der Homepage der Dark Sky Nord – Bremen und Umzu – Initiative für nachhaltige Außenbeleuchtung und andere Medien (z. B. unserem Werbeflyer, Roll-Ups) und auf Vorträgen veröffentlicht wird. Es verbleiben alle Rechte bei den AutorInnen. Der Dark Sky Nord wird lediglich ein nichtexklusives Abdruckrecht (print – Werbeflyer – digital – Homepage) eingeräumt, räumlich und zeitlich unbegrenzt. Die AutorInnen können also weiterhin über den eigenen Text ansonsten frei verfügen.

Ein Anspruch auf ein Honorar besteht nicht.

Bitte haben Sie Verständnis dafür, dass wir keine Stellungnahmen zu einzelnen Texten geben werden.

  • Die Text-Beiträge bitte ausschließlich als WORD-Dokument elektronisch einsenden – kein PDF
  • Max 10.000 ZeichenOHNE Leerzeichen
  • Schriftart: Segoe Ul
  • Schriftgröße: 12 pt
  • Zeilenabstand: 1,5
  • Ohne Zeilen-Nummerierung
  • Texteinsendungen, die von den genannten Rahmenbedingungen abweichen, können wir nicht berücksichtigen.

Einsendeschluss: Sommersonnenwende am 21. Juni 2025

E-Mail-Adresse: alan-fiction@darksky-nord.de

Die Bekanntgabe der Gewinner wird am 13. August 2025 erfolgen.

Auf Einladung von Frau Rita Hamann-Beckmann vom NaBu in Lilienthal/Grasberg informierten Anette und Karin am 6. Juni im Altes Amtsgericht, Klosterstraße 21, Lilienthal zum Thema Lichtverschmutzung.

Trotz der Hitze, die eher zum Baden oder Eisessen einlud, kamen an dem Tag 17 Interessierte zu dem Vortrag. Wir vermittelten grundlegende Informationen zum Thema Lichtverschmutzung und ihre Auswirkungen auf die Gesundheit, Biodiversität (u. a. auch das Wattenmeer), Sicherheitsaspekte, Gesetzesgrundlagen und machten Vorschläge für einen umweltfreundlichen Einsatz von Leuchtmitteln.In der sich anschließenden einstündigen Fragerunde konnten viele Aspekte tiefer beleuchtet werden. Außerdem war es Anettes Debüt.

Besonders konzentrierten sich Fragen auf den Bereich der spektralen Empfindlichkeit von Insekten und welches Spektrum letztendlich noch für eine Beleuchtung in der Nacht adäquat sei. Dass das kurzwellige Licht (von blau bis grün) in der Nacht zu reduzieren sei, weil es in die Morgenstunden gehört, stellte den Begriff ‚insektenfreundlich‘ infrage, denn das sensitive Stadium der Insekten kann bis zu ca. 550 nm reichen. Die drei Parameter: Beleuchtungsstärke, Lichtgeometrie und Lichtfarbe müssen immer zusammenspielen, wenn ein effektiver Insektenschutz angestrebt wird.

Moin liebe Besuchende,

aufgrund mangelnder Teilnahme in letzter Zeit haben wir uns entschlossen, die Präsenztreffen im Falstaff in Bremen komplett zu streichen.

Sollte sich wieder Interesse an einer solchen Veranstaltung bieten, können wir uns ja über eine Wiedereinführung unterhalten.

Die Termine wurden entsprechend aus dem Veranstaltungskalender entfernt.

Vielen Dank an alle, die bisher immer mal wieder mit teilgenommen haben.

Moin liebe Besuchende,

aufgrund der aktuellen Ferienzeit und den warmen Temperaturen, leiten auch wir, von der DarkSky-Nord, eine Sommerpause ein.

Die monatlichen online Treffen sind bis Oktober ausgesetzt.
Die nächsten Termine findet ihr, wie üblich, in unserem Veranstaltungskalender.

Wir wünschen euch schöne warme Tage und lichtarme Nächte, damit ihr die Zeit in der Natur genießen und zum Beobachten der Sterne nutzen könnt.

Im Universum ist keine Angst

Ich bin in Dresden geboren – an einem heißen Sommertag im Juli – früh ehe die Sonne
aufging. „Komm mit nach Dresden“, hat meine Großmutter gesagt, „da wohnt Churchills
Großmutter, da passiert nichts.“ Sie war extra nach Bremen gekommen, um ihrer Tochter bei der
Geburt beizustehen – aber in Bremen fielen nachts Bomben auf Dächer von Wohnhäuser. „Komm
mit nach Dresden ..!“ Der Zug war am 1. Juli gedrängt voll, blieb stehen, immer wieder blieb er
stehen. Bei jedem Halt kam der Schaffner: „Geht es noch, junge Frau?“ Am 4. Juli 1942 wurde ich
geboren in einer kleinen Klinik in der Liebigstraße.

Heute ist der 23. Februar 2023. Heute ist alles anders – nicht Churchills Großmutter, nur ich:
Großmutter. Keine Bomben – hier. Frieden. Demokratie. Meinungsfreiheit. Haben wir doch! Oder
haben die Genossen ein Schloss vor dem Mund und werden gar nicht gefragt, wenn Papa Scholz
seine Marder in die Ukraine schickt? Also, wir Genossen von Schönebeck treffen uns heute – ich
will in kleinem Kreis sprechen über Meinungsfreiheit: Warum wurde am 14. Februar über meinen
Antrag zu ‚Meinungsfreiheit‘ nicht abgestimmt? Warum wurde die Begründung zu meinem Antrag
nicht für alle ausgedruckt? Meinungsfreiheit – haben wir doch! Ich werde doch gar nicht von der
Gestapo abgeholt, wenn ich darüber sprechen will – mit den Genossen!

Ich mache mich zu Fuß auf den Weg zur Schlosskate – da treffen wir uns – welche Meinung
habt ihr eigentlich zu den Waffenlieferungen in die Ukraine? – darüber denke ich nach auf dem
Fußweg: erst Fährgrund, dann Borchshöhe. Es ist kalt. Die Welt ist schwarz – nur irgendwo über
den Straßenlaternen, weit weg, leuchtet die Mondsichel wie eine einsame Straßenlaterne. Aber ich
habe mich im Datum geirrt, heute ist gar kein Treffen. Die Schlosskate ist dunkel. Erleichterung, ich
muss heute gar nicht streiten!

Ich gehe weiter – vorbei am Schönebecker Schloss. Die Welt ist hier licht ohne Straßenlaternen,
der Weg ist hell. Vor mir begleitet mein Schatten mich schwarz. Über mir – weit oben –
schwimmt der Mond in der Tiefe des Universums – unendliches Blau, besetzt mit Diamanten, mit
Sternen – nur wenige setzen sich durch gegen das goldene Halbrund Mond. Der beleuchtet Schloss,
Erde und Himmel, der Weg hell wie das Wasser, darüber zieht der Große Wagen sehr blass seine
Bahn – so wie gelegentlich winzige Lichtpunkte, Autoscheinwerfer hinter den Waldbäumen auf der
Straße nach Leuchtenburg.

Mir fällt ein – eine Sommernacht in der Provence – Sterne – vollkommen – unendlich viele
– Diamanten – blass leuchtende Perlen – große und kleine – ich liege im warmen Gras, ich höre
Zirpen, Zikaden – wie weit – unfassbar – Himmel und Erde – ich staune …

Es ist kalt. Mein Mantel hält mich wohl warm, aber ich will nach Hause. Ich zweige ab über
die Brücke – nun wandert mein Schatten über die Schattenzweige zu meinen Füßen auf
mondhellem Weg, Baumstämme steigen neben mir bis in winterlich blattloses Gezweig vor
leuchtendem Himmel – unendlich tief – blau. Dann Häuser. Erleuchtete Fenster – die Welt ist
wieder eng geworden und dunkel und hört auf in der Höhe von Straßenlaternen. Auf dem
Ziegenweg blendet mich ein Autoscheinwerfer.

Als ich 2014 nach Vegesack zog, nähte ich blickdichte Vorhänge für meine Fenster wegen
der Straßenlampen vom Fährgrund. Nachts will ich ruhig schlafen. Nachts fahren nur wenige Autos
– ihr Laut wird fast geschluckt von den Dreifach-Fenstergläsern. Eigentlich wollte ich auf keinen
Fall eine Straße vorm Fenster! Aber die Wohnung sprach zu mir, wurde mein Raum, trotz Straße.
Man gewöhnt sich an alles. Ich schlafe gut und lange. Einmal wache ich auf von einem Plopp –
Plopp – immer wieder, das dauert – ich neugierig: drüben landet mit Plopp ein Karton nach dem
anderen aus einem Lastwagen auf dem Fahrradweg. Gespenster zieht ein Afrikaner aus den Kästen,
nämlich wehende Plastik-Fahnen, die knüllt er zusammen. Was passiert da? Schnell ziehe ich mich
an, komme gerade rechtzeitig, um zu fotografieren, wie der aus Albanien die Leiter von seinem
blauen Leiter-Wagen hochkurbelt zur Straßenlaterne. Er spricht gut deutsch. Er lädt mich ein zum
Gottesdienst nach Woltmershausen, jeden Freitag, er will mich sogar mit dem Auto abholen. Ich
schreibe mir seine Handynummer auf, aber ich verspreche nichts. Tatsächlich benutze ich sie nie,
sehe auch nicht die www.Adresse von dem Afrikaner an – es gibt einfach zu viele interessante
Menschen hier mit Heimat weit weg. „Wir tauschen die Straßenlaternen aus“, erklären sie mir, „Sie
bekommen nun LED-Lampen, nachts taghell!“ Ich sage: „Das will ich gar nicht! Ich will doch
nachts schlafen!“ Tatsächlich haben die Scheinwerfer, die sie aus den Plastik-Gespenstern
entwickelt haben, das Plopp-Plopp-Werfen heil überstanden und beleuchten die Straße Fährgrund
seitdem deutlich weniger hell als ihre Vorgänger – beruhigend.

Aber wenn ich abends auf meiner Terrasse nach den Sternen sehe, muss ich mich vorsichtig
bewegen. Sonst springt der Bewegungsmelder an und schluckt alles, was der Lichtsmog über der
Stadt noch erscheinen lässt. Manchmal bewegt sich ein Stern ganz schnell über den Himmel, das ist
dann die ISS, ein künstlicher Stern, Menschen-gemacht, Fussballfeld-groß. Wenn ein Astronaut nach
einem halben Jahr Schwerelosigkeit ausgetauscht worden ist, lächelt er in die Kamera – glücklich
für die Pressefotografen – vom Tragesessel aus, mit dem er programmgemäß nun ins Krankenhaus
gebracht wird – wo sein Körperraum programmgemäß nun wieder justiert wird für das Dasein auf
Mutter Erde. Man kann ja alles machen. Man kann sich dabei auch ent-erden – krank werden –
macht doch nichts! – wir haben doch keine Angst!

Doch. Ich bin aus Fleisch und Blut. Ich habe Angst – vor allem wegen der Nachricht, dass
sie auf dem Mond nun suchen wollen nach Seltenen Erden – für LED – oder Handys – oder so. Wer
zuerst oben ist, der malt zuerst. Genossen, wir sind ent-erdet! Wir sind besoffen von dem, was man
machen kann! Krieg ist doch keine heilsame Entziehungskur! Der Krieg in Syrien nicht. Der Krieg
der Sterne auch nicht. Wir sind alle ent-erdet von den vergangenen Kriegen.

Übrigens, die Liebigstraße in Dresden gibt es noch – sie wurde nicht zerbombt 1945 in den
Feuernächten. Aber die kleine Klinik, in der ich zur Welt kam, habe ich 2013 nicht gefunden, nur
eine kleine Konditorei – einen Kaffee, ein Stück ganz süßen Kuchen. Bevor ich löffelte, ging meine
Seele fremd – erinnerte sich – mich – an meine Ankunft auf Mutter Erde – meine Seele ging fremd
– in einem unendlichen Sternenraum – verloren – ungeerdet – lange – ohne Angst –

Angst ist dort nicht, Angst ist verbunden mit Fleisch und Blut.
Suchen Astronauten ein Dasein ohne Angst? – schwerelos – ent-erdet? Vergeblich!

Angst war nicht in meinem Erinnern – sondern verlorenes Irren im Universum – unangesehen.
Meine Mutter hatte mich nicht angesehen, sie begrüßte mich nicht im Dasein.

Bis ich die Augen aufschlug, jetzt, 2013, in der Liebigstraße, bei Kaffee und tröstlichem Kuchen.
Ja. Meine Mutter hat mich dann doch angesehen, begrüßt, mich, das Mädchen. Nur ein Mädchen.
Nicht das Fritzchen, auf das sie sich gefreut hatte. Diese Freude ist Kraft für ein ganzes Leben – für
meinen Kampf um Meinungsfreiheit, jetzt, achtzig Jahre später. Genossen, wir können fast alles
machen. Wir können auch aufhören den enterdeten Machern zu glauben, dass sie unsere Angst im
Leben besiegen.

Wir müssen das Leben auf der Erde selbst wagen, jeder und jede für sich.
Das weite Universum ist immer da – über den Straßenlaternen, die unseren Raum einengen.

Heide Marie Voigt


Heide Marie Voigt hat mit ihrem Text „Sternenhimmel“ eben falls den dritten Platz unseres MicroAmberFiction Schreibwettbewerbes gewonnen.

Die Künstlerin Isolde wanderte ziellos hinaus in die Dämmerung, sodann schlug sie den Weg zum Strand ein. Sie sah die Wolken ziehen, schmeckte die salzige Luft, hörte die ferne Brandung rauschen und die Wellen aufschlagen. Im feuchten Sand des Spülsaums zeichneten sich ihre Fußspuren ab. Einige der tiefen Fußabdrücke blieben zurück, andere verwischten die Wogen. Isolde empfand es als Spiegelbild ihres Lebens. Was würde dereinst von ihr bleiben, von ihrem künstlerischen Ausdruck? Diese tiefgründigen Gedanken beflügelten ihre Sinne. Sie wähnte sich im vollen Einklang mit ihrer Welt und gab sich den Wachträumen hin. So verlor sie sich in der Zeit.

Wind wehte von See her, fröstelnd zog sie den Jackenkragen höher. Dabei legte sie wie zufällig den Kopf in den Nacken. War sie bisher wie eine Traumwandlerin unterwegs? Wie eine Blinde? Die Nacht war hereingebrochen, sie bemerkte die Dunkelheit erst jetzt und wunderte sich angesichts des Sternenfunkelns. Mein Gott wie schön! Derart hatte sie den Nachthimmel nie erlebt, in ihrer lichtverschmutzen Großstadt.

Hier auf der Insel Juist, in der Schwärze der klaren Herbstnacht glänzte das schier grenzenlose Band der Milchstraße über ihr. Das magische Licht in voller galaktischer Prachtentfaltung zu erleben, empfand sie so majestätisch. Ihr war, als träumte sie immerzu. Dieses Bild berührte sie zutiefst. Sie kramte in ihren Erinnerungen, dort tauchte kein Zauber dieser Art auf. Wie gerne hätte sie den Geliebten an ihrer Seite, um diesen heiligen Augenblick mit ihm zu teilen.

Im Windschatten einer Düne setzte sie sich in den Sand und sah hinaus aufs Meer. Ließ das ewige Kommen und Gehen der Wellen auf sich wirken. Das Rauschen erschien ihr endlos wie der grenzenlose Nachthimmel über ihr. Ist es nicht von alters her überliefert, dass die Sternenkonstellationen für Menschenschicksale eine maßgebliche Bewandtnis haben? Der silbrige Schein des Mondes beleuchtete das Meer, reflektierte das Licht im Auf und Ab der Wogen. Ebbe und Flut, die anziehende Rolle des Erdtrabanten im kosmischen Spektakel kennen die Menschen der Meeresküsten genau.

Isolde erhob sich, klopfte den Sand aus den Kleidern. Ein letzter Blick noch in den Sternenhimmel. In jenem Augenblick bedauerte sie es, dass sie von Sternenkunde keine Ahnung hatte. Sie schob diesen Gedanken beiseite und überlegte, wie es ihr gelänge, die magisch einsame Nacht am Strand künstlerisch umzusetzen. Und überhaupt, hatte sie nicht eben herausgefunden, was das »Zauberland« ausmacht? Sie hatte ein Stückchen vom geheimnisvollen alten »Töwerland« erlebt!

Reingard Stein, 11. April 2023


Reingard Stein hat mit ihrem Text „Töwerland – Zaubernacht“ den dritten Platz unseres MicroAmberFiction Schreibwettbewerbes gewonnen.

Atemlose Stille durchdrang die weite unendliche Landschaft.

Mein Atem gefror zu Eis.

Ich stand unter einem über und über funkelndem Nachthimmel und betrachtete das Firmament.

Solch einen Sternenhimmel hatte ich noch nie erblickt!

Ich war wie gebannt, verzaubert….

Der reine, klare Nachthimmel über Taizé war einfach atemberaubend schön.

Keine Straßenlaterne, kein Verkehr, keine erleuchteten Fenster störten dieses unglaubliche Bild.

Tausende und abertausende, ja, wohl Millionen von Sternen weit entfernter Galaxien strahlten dicht an dicht, funkelten, flackerten, manche als kleine weiße Punkte, andere leicht bläulich oder rötlich.

Wie es im unendlichen Weltall, auf fernen Planeten wohl aussehen mag?

Und eventuell andere Lebensformen?

Gerne wäre ich jetzt mit Warpgeschwindigkeit durch den Raum geflogen oder hätte mich in fremde, unbekannte Welten bebeamt. Oder würde einen Blick durch ein riesiges Teleskop werfen. Was ich dann wohl erblicken würde?

Mein Herz wurde ganz still und ruhig, ja, ehrfürchtig über der gewaltigen Schönheit des millionenfach wie Diamanten glitzerenden Sternenhimmels.

Für immer schloss ich diesen Anblick in mein Herz ein, ein Bild für die Ewigkeit!

Die Zeit stand still.

Brigitte Schweizer 10/01/23


Brigitte Schweizer hat mit ihrem Text „Sternenhimmel über Taizé“ den zweiten Platz unseres MicroAmberFiction Schreibwettbewerbes gewonnen.