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Author Archive for Stefan Fischer

Über Stefan Fischer

wurde 1965 in Ludwigsburg geboren und lebt heute in Dietlikon in der Schweiz. Er ist Ingenieur – Diplom Technische Kybernetik der Universität Stuttgart, Doktor der Signalverarbeitung der EPFL Lausanne – und heute Innovations- und Transfermanager an der ZHAW Zürcher Hochschule für Angewandte Wissenschaften. Er hat sein Leben lang geschrieben: wissenschaftliche Artikel, Patente, Gutachten. Texte, die Zwecke erfüllten. Zur Literatur kam er über die Frustration mit den Geschichten seiner eigenen Kindheit. Das Thema Lichtverschmutzung begegnet ihm als Naturwissenschaftler und als jemand, der weiß, was verloren geht, wenn man aufhört, in den Himmel zu sehen.

Wien, 1885.

Carl Auer von Welsbach rieb sich die Augen und trat ans Fenster seines Labors. Draussen lag die Ringstrasse im Dunst der Gaslaternen, ein flackerndes, gelbliches Licht, das mehr versprach, als es hielt. Die Stadt versuchte, die Nacht zu besiegen, aber sie tat es ungeschickt, mit einer Ungenauigkeit, die Carl störte. Er sah keine Romantik, er sah Ineffizienz. Die Flamme fraß Brennstoff und spuckte Licht wie ein betrunkener Schornsteinfeger. Es musste besser gehen.

Der Glühstrumpf war die Antwort. Ein Gewebe aus Baumwollfasern, getränkt mit Thorium- und Ceroxid, das beim Erhitzen nicht zerfiel, sondern leuchtete – weiss, ruhig, beinahe unbeweglich. Carl hielt den ersten funktionierenden Strumpf über die Tischkante, sah das Licht, wie es die Schatten seiner Apparate vertrieb, und spürte, dass er etwas Grundsätzliches verstanden hatte: Licht war nicht mehr nur Feuer, es war Ordnung, Effizienz, Macht.

Die Städte reagierten sofort. Wien, Berlin, Paris, London – sie alle begannen heller zu werden, entschlossener, als hätten sie nur auf dieses Material gewartet. Die Nächte wurden kürzer, die Strassen sicherer, die Cafés voller. Kinder wuchsen auf und lernten, die Sterne seien Punkte auf Postkarten, schön, aber weit weg. Carl beobachtete das selten, doch er wusste, dass etwas unwiederbringlich verschwand.

Er wurde reich, berühmt, bestätigt. Doch er wusste, dass es nicht genug war. Die Zukunft lag in der Elektrizität. Ein anderes Prinzip, eine andere Eleganz. Wieder stellte sich kein moralisches, sondern ein technisches Problem: Wie macht man es besser? Er entwickelte Glühfäden aus Osmium und später aus Wolfram, Materialien, die das elektrische Licht erst tragfähig machten. Als die grossen Hersteller ihre Glühlampenabteilungen zusammenlegten und das neue Unternehmen Osram nannten – Osmium, Wolfram, seine beiden Metalle –, war Carl nicht überrascht. Er hätte vielleicht auch nicht erwartet, dass sein Name dabei verschwinden würde. Aber so war es.

Steiermark, Sommer 1928.

Abends saß Carl manchmal auf der Veranda seines Gutes und tat nichts. Keine Notizen, keine Berechnungen. Die Städte waren weit genug, dass die Nacht noch dunkel war.

In einer Julinacht hörte er auf, an etwas anderes zu denken.

Die Milchstraße stand über dem Tal, dicht und still, ein Band aus Licht, das kein Labor je produziert hatte. Carl saß lange, ohne sich zu bewegen.

Er starb im August 1929, auf dem Gut, in einem Zimmer, dessen Fenster auf den Garten zeigten. Die Nacht war klar. Ob er hinaussah, ist nicht überliefert.

Berlin, frühe 1930er Jahre.

Das Thorium der Auergesellschaft hatte ein Problem: Es war übrig. Die Glühstrümpfe brauchte niemand mehr, das Lager war voll, und ein Element mit einer Halbwertszeit von vierzehn Milliarden Jahren lässt sich schlecht wegwerfen. Die Lösung kam aus der Marketingabteilung: Zahnpasta. Doramad, radioaktiv, für weisse Zähne und ein strahlendes Lächeln.

Die Anzeigen zeigten glückliche Familien, Kinder mit offenen Mündern, Väter, die nickten. Der Text versprach „energetische Strahlen, die schädliche Bakterien hemmen“ und „eine spürbare Belebung des Zahnfleisches“. Radioaktivität war kein Warnhinweis, sie war ein Verkaufsargument. Die Menschen kauften die Tuben, stellten sie ins Badezimmerschränkchen neben die Rasiercreme, putzten zweimal täglich, morgens und abends, und strahlten dabei, in jeder Hinsicht.

Niemand fragte, woher das Material stammte. Niemand kannte Carl Auer von Welsbach mehr. Aber das Thorium, das er aus dem Gestein gelöst hatte, um die Nacht zu erhellen, verschwand nun in Mündern, in Körpern, in Abwässern – unsichtbar, wie immer. Nur die Wirkung war eine andere.

Paris, Herbst 1944.

Die Alsos-Mission war eine kleine Einheit amerikanischer Wissenschaftler und Geheimdienstoffiziere, deren Auftrag lautete: herausfinden, wie weit die Deutschen mit der Atombombe waren. In befreitem Paris fanden sie in Büros der Auergesellschaft Dokumente, die auf einen Chemiker namens Jansen hinwiesen. Jansen hatte offenbar die gesamten Thoriumvorräte Frankreichs gestohlen und nach Deutschland verschifft. Ein Chemiker. Thorium. Atombombe. Die Schlussfolgerung schien eindeutig.

Die Jagd dauerte Monate. Sie führte durch Belgien, durch verhörte Mittelsmänner, durch beschlagnahmte Aktenmappen. Als sie Jansen schliesslich fanden, sass er im belgischen Eupen – im Haus der Eltern seiner Sekretärin. In seinem Koffer: penibel geführte Reisenotizen, Quittungen, Korrespondenz. Die Alsos-Agenten verhörten ihn tagelang, und je länger sie seine Unterlagen studierten, desto beunruhigender wurde das Bild. Jansen war mehrfach nach Haigerloch gereist. Haigerloch – genau der Ort, auf den andere Hinweise deuteten. Ein geheimer Reaktor. Heisenberg. Der Kern des deutschen Atomprogramms.

Der Beweis schien erdrückend.

Er war es nicht. Jansens Grossmutter wohnte in Haigerloch. Sie war alt, er besuchte sie regelmässig, er hatte das immer getan. Die Reisenotizen dokumentierten Familienbesuche, keine Geheimmissionen. Samuel Goudsmit, wissenschaftlicher Leiter der Alsos-Mission, schrieb später trocken in seinen Bericht, der Fall sei intern unter dem Namen „Operation Toothpaste“ geführt worden. Das Thorium war nicht für eine Bombe gestohlen worden, sondern für Zahnpasta – die Auergesellschaft hatte auf die Nachkriegswirtschaft gesetzt und wollte den Markt beherrschen. Kein Kommentar.

Aber die Dokumente enthielten noch etwas anderes: echte Hinweise auf einen Reaktor. In Haigerloch. Unter einer Schlosskirche. Und auf Heisenberg.

Haigerloch, April 1945.

Der Reaktor lag im Felsenkeller unter der Schlosskirche von Haigerloch, als hätte jemand die deutsche Atombombe im Keller einer Dorfkirche versteckt. Die Alsos-Einheit unter Colonel Pash fand ihn am 23. April 1945: einen Zylinder aus Graphitblöcken, 664 Uranwürfel an Ketten, Schwerwasser in Tanks. Heisenberg war längst geflohen, mit dem Fahrrad Richtung Bayern. Die Forschungsakten hatten die Wissenschaftler in einem wasserdichten Fass versenkt – in der Jauchegrube des Nachbargehöfts.

Goudsmit stand in dem niedrigen Gewölbe und betrachtete die Anlage. Er dachte an Los Alamos, an die tausenden Wissenschaftler, die Milliarden Dollar, die endlosen Hallen. Dann sah er das hier: eine Höhle, ein Fass in der Jauchegrube, ein Reaktor, der nie kritisch geworden war und es auch nie hätte werden können – er war schlicht zu klein. Er schrieb später, das ganze deutsche Atomprogramm sei auf einem „ludicrously small scale“ gewesen. Manchmal, schrieb er, hätten sie sich gefragt, ob die amerikanische Geheimdienstmission mehr gekostet habe als das gesamte deutsche Atomprogramm.

Die Verbindung zur Auergesellschaft – zu Carls Thorium, zu Carls Glühstrümpfen – war den Agenten nicht entgangen. Das Werk in Oranienburg hatte Uran und Thorium für Heisenbergs Reaktoren verarbeitet. Es war bereits am 15. März 1945 bombardiert worden: 612 amerikanische Bomber, 1500 Tonnen Sprengstoff. Nicht um die Deutschen zu stoppen – die waren bereits besiegt. Sondern um die Anlagen den Sowjets zu verweigern. Der Boden von Oranienburg ist bis heute radioaktiv verseucht.

Das Thorium der Auergesellschaft aber – das Thorium aus Carls Lagerhallen, das Thorium der Doramad-Tuben – lag noch in Berlin. Unangetastet. Unbeachtet.

Berlin, Mai 1945.

Die Sowjets luden alles ein. Systematisch, ohne Eile, mit Inventarlisten. Sechzehn Tonnen Thorium, ordentlich beschriftet, die Reste alter Glühstrümpfe, konserviert, sortiert. Kein Mensch hatte sie in den letzten Jahren beachtet – nicht die Alsos-Agenten, nicht Jansen, nicht Heisenberg. Die Fässer wurden verladen, Gleise Richtung Osten.

Drei Wochen später standen sie in Tscheljabinsk-40, geheim, unterirdisch, bereit für Physiker, die niemals die Glühstrümpfe Wiens gesehen hatten und es auch nicht nötig hatten. Die monatelange Jagd der Alsos-Mission, der Thoriumdiebstahl aus Frankreich, die Verhöre in Eupen, die Jauchegrube in Haigerloch, die Grossmutter: alles ohne Bedeutung. Das Material, um das es wirklich ging, hatte ruhig in Berlin gewartet. Es hatte Zeit gehabt. Es hatte immer Zeit.

Die Sonne ging über den Uralbergen unter. Hier drinnen arbeiteten Menschen unter elektrischem Licht, nach Verfahren, die ein Österreicher vor sechzig Jahren entwickelt hatte.

Heute.

Das Licht, das Carl Auer von Welsbach in Gang gesetzt hat, brennt noch. Es hat andere Formen angenommen – Glühbirnen, Leuchtstoffröhren, LEDs, die Bildschirme von acht Milliarden Telefonen – aber es brennt, und es wird mehr, Jahr für Jahr, Kontinent für Kontinent. Die Nacht zieht sich zurück wie ein Tier, das seinen Lebensraum verliert.

In der Steiermark, weit genug von den Städten, kann man die Milchstraße noch sehen. Manchmal fahren Menschen dorthin, eigens dafür, und legen den Kopf in den Nacken.

Carl hatte sie zuletzt 1928 gesehen. Auf der Veranda.

Die Milchstraße wartet trotzdem. Sie hat keine Wahl.

Stefan Fischer, 2026


Kurzvita


Stefan Fischer hat mir seiner Kurzgeschichte „Das Licht, das die Sterne fraß“ unseren Kurzgeschichtenwettbewerb 2025/2026 den dritten Platz gewonnen.